Zum Ryukyu-Essen ist unsere Autorin Marion Büstorf in die Berge Okinawas gefahren. Hier hat sie ein bewegendes Gespräch mit zwei fast hundertjährigen Damen geführt.

In den Bergen begegnen wir zwei alten Damen in einem kleinen einfachen Restaurant bei einem landestypischen Ryukyu-Dinner. Die Wirtin Emi hat sich seit Jahren der gesunden einheimischen Küche verschrieben und bietet täglich original Menüs aus dem traditionellen  Ryukyu Menues an.

Ryukyu-Essen Okinawa Hundertjährige

Ryukyu-Essen hält fit und gesund

Seiko Aida ist stolze 97 Jahre und Saeko Maeda 94 Jahre alt. Die beiden sind seit ihrer Kindheit Nachbarinnen und bewirtschaften heute noch ihre kleinen Farmen allein.
Seiko Aida baut Knoblauch, Chili und okinawesischen Spinat an, überwiegend für den Hausgebrauch.

Die Wirtin Emi kauft ihr manchmal etwas Gemüse ab, ansonsten lebt sie von ihrer Rente. Seiko ist freundlich und zu Beginn des Interviews noch zurückhaltend. Plötzlich sagt sie: „Wenn man sich einmal trifft und miteinander spricht, dann bekommt man eine Beziehung.“

Erinnerungen eines langen Lebens

Langsam beginnt sie sich zu öffnen und spricht leise in Japanisch auch über ihre Kriegserfahrungen 1945: „Das war very dark. Meine Familie hatte sich in den Bergen versteckt. Nachts kamen wir nach Hause zurück, haben Essen geholt und sind vor dem Morgengrauen wieder zurück. Die Zeit war hart.“

Dann kamen Japaner mit Pistolen und Gewehren und haben sieben ihrer Familienmitglieder erschossen. Sie standen im Verdacht, den Feind, die Amerikaner, zu unterstützen. Verdächtig waren sie, weil ihr Vater vorher schon einmal im Ausland war.

Einen Monat später war Kriegsende. Die Amerikaner kamen und gaben ihnen Lebensmittel. Sie sprach mit feuchten Augen: „Ohne die Amerikaner hätten wir nicht überlebt.“

Sie fügte hinzu, sie habe nur ein einziges Mal im Kreise ihrer Familie darüber gesprochen. Da sie es nun mir erzählt hat, sei ich ein Teil ihrer Familie. Saeko Maeda ist eine muntere 94-Jährige. Früher hat sie in einer Stofffabrik auf Kiushu gearbeitet. Als sie zurückkehrte, heiratete sie mit 24 Jahren. Sie bekam 9 Kinder, immer im Wechsel ein Junge, ein Mädchen.Nun hat sie 20 Enkel und Urenkel. Mindestens – bei 20 habe sie aufgehört zu zählen. Saeko besorgt ihren Haushalt allein und baut Gemüse an. Sie ist sehr gesund, hat keine Beschwerden und braucht keine Brille.

Ryukyu-Essen Okinawa Hundertjährige
Autorin Marion Büstorf mit Wirtin Emi (l.) und den beiden fast hundertjährigen Damen Seiko Aida und Saeko Maeda nach dem gemeinsamen Ryukyu-Essen.

Leben in den Bergen Okinawas

Zu ihrem Leidwesen war sie nie in der Schule und hat nicht lesen und schreiben gelernt. Saeko war immer sehr traurig darüber, dass sie keine Zeitungen lesen konnte. Darum hat sie hart gearbeitet und alle Kinder zur High School und zum College geschickt. Jetzt hat sie zwar Radio und Fernseher, aber der Empfang ist in den Bergen schlecht. Und so muss die wissbegierige 94-Jährige oft warten, bis sie die neuesten Nachrichten von ihren Freunden erfährt.

Die Fischerin und das Meer

Saeko geht heute noch immer zum Fischen. Morgens beobachtet sie als erstes das Wetter und geht dann an den Ozean. Eine Freundin aus Naha hatte sie vor 50 Jahren mitgenommen. Normalerweise hatte sie den Ozean immer nur aus der Entfernung gesehen. Die alten Okinawaner gehen selten ans Meer und schwimmen normalerweise nicht.

Aber ihre Freundin überredete sie. Saeko schaute in das Wasser und sah große Fische. Ihre Freundin gab ihr die Angelrute, legte einen Köder an und nach ein paar Minuten hatte Saeko einen 40 cm großen Fisch gefangen. Das hat ihre Leidenschaft geweckt, die sie 50 Jahre beibehalten hat. Saeko erinnert sich: Vor 40 bis 50 Jahren habe ich noch so viele Fische geangelt, dass ich sie sie an meine Freunde verteilen konnte. Aber jetzt gibt die See nicht mehr so viel her.

Beim Abschied sagt Seiko die Ältere „wir haben zwar verschiedene Sprachen, aber wir haben das gleiche Herz“. Und dieses bleibt ein wenig hier zurück.

Ryukyu-Essen Okinawa Hundertjährige
Emi serviert Ryukyu-Essen in ihrem Restaurant in den Bergen von Okinawa.

Text und Bilder: Marion Büstorf

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