Die Metropole Kalkutta entdecken ist ein unglaubliches Abenteuer. Nicht jeder europäische Besucher fühlt sich dort wohl angesichts der unzähligen Menschen, der hohen Armut und dem vielen Schmutz. Doch ist der Kulturschock erst einmal überwunden, eröffnet sich dem interessierten Reisenden überbordende Lebensfreude, Farbenpracht und kulinarische Vielfalt: Kolkata oder Kalkutta entdecken, bedeutet die Leidenschaft wieder finden.Reiseführer Indien: Kalkutta entdecken

Die berühmte Hafenstadt im Osten Indiens und Hauptstadt des Bundesstaates Westbengalen ist die siebtgrößte Stadt des Subkontinents. Bei über 4,5 Mio. Einwohnern – über 14 Millionen sind es im Ballungsraum (der drittgröste des Landes) – gibt es fast jeden Tag etwas zu feiern. Gefeiert wird religiös, spirituell, oder einfach nur, dass man lebt. Eine Reise mit dem Ziel Kalkutta entdecken zu wollen, ist gleichzeitig eine Reise in menschliche Höhen und Abgründe.

Reiseführer Indien: Kalkutta entdecken
Bad im Fluss Hugli, einem Seitenarm des heiligen Flusses Ganges.

Kalkutta entdecken beginnt mit der Geschichte der Stadt

Seit 1991 heißt Kalkutta offiziell Kolkata – auch Calcuta oder Colcata, wie man will. Kolkata wurde vor über 300 Jahren von Job Charnock, einem Gesandten der East-India Company, gegründet. Aus dem einstigen Fischerdorf Kalighat wurde, vor allem dank der günstigen Lage am Meer, schnell eine Metropole. Die Stadt liegt nicht – wie gemeinhin bekannt, am Ganges, sondern am Hugli, einem Seitenarm des heiligen Flusses.

Nur wenige wissen, dass sie auch touristisch einiges zu bieten hat – von den Kolonialbauten bis zu Parkanlagen und Tempeln. Die “ Stadt der Freude“ ist auch die Heimat des indischen Literatur-Nobelpreisträgers Rabindranath Tagore. Sein Geburts- und Sterbehaus, in dem sich heute auch ein Museum befindet, sind sehenswert. Der Großteil der Bevölkerung sind Hindus. Die Religion wird an fast allen Orten der Stadt für jeden öffentlich sichtbar ausgelebt.Reiseführer Indien: Kalkutta entdecken

Trotz enormer sozialer Fortschritte in den letzten Jahren ist in der Stadt nach wie vor große Armut anzutreffen. Bettler, Obdachlose und Slums gehören zu Kolkata ebenso dazu wie touristische Highlights. Die Stadt ist vor allem für ihre politische und revolutionäre Geschichte bekannt, denn sie war stark am Kampf um die Unabhängigkeit Indiens von Großbritannien 1947 beteiligt. Danach strömten Tausende von Flüchtlingen aus dem benachbarten Bangladesch in die Stadt.

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Aufgrund der ständig steigenden Bevölkerung und des fehlenden Wohnraums entstanden Slums und illegale Siedlungen am Stadtrand, in denen sich auch Tausende von Migranten aus den angrenzenden Regionen niederließen.

Heute ist Kalkutta trotz der großen Reiseführer Indien: Kalkutta entdeckenWirtschaftskraft eine der ärmsten Städte der Welt. Der Name der Stadt ist eng mit der Friedensnobelpreisträgerin Mutter Teresa verbunden, die hier ein Hospiz gründete. Dort kümmerte sie sich bis zu ihrem Tod 1997 persönlich um die Sterbenden, Waisen und Kranken der Stadt. „Wo du auch bist in Kalkutta, du bist nie allein. Das Leben quillt aus jeder Nische, und in jedem Straßengraben liegt ein Schicksal, wie man es sich nicht vorstellen kann“, heißt es.

Das marmorne Victoria Memorial ist das Wahrzeichen der Stadt. In dessen Nähe befinden sich auch die Eden Gardens und das Fort Williams.

Zahlreiche Gebäude im Kolonialstil geben der Stadt auch heute noch ein „britisches Flair“. Auch der Sitz der Regierung von Westbengalen, das Raj Bhavan ist ein Kolonialgebäude, das einst die Residenz des britischen Vizekönigs in Indien war.

 

 

Cross Over-Küche

Die regionale, ostindische oder bengalische Küche ist reichhaltig und schmackhaft und im Vergleich zur indischen weniger scharf. Chili, die gefährlichste Waffe in der Hand indischer Köche, kommt hier weniger zum Einsatz als anderswo. Bekannte Gerichte sind z. B. Dahi Maach (Fischcurry in Joghurt mit Gelbwurz/Curcuma und Ingwer) und Malai (Krabbencurry mit Kokosnuss). Es gibt es ein großes Angebot an Fisch und Schalentieren – berühmt sind etwa Bombay Duck (Curry- oder Frittierfisch) und indischer Lachs; ebenso die Parsi-Gerichte wie Dhansak (Hähnchen mit Linsen-Curry).

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Kolkata rühmt sich, die Hauptstadt der Süßigkeiten zu sein. Diese garantieren Erholung von der Schärfe. Original bengalische Süßigkeiten, z. B. die berühmten Rosgulla, gibt in vielen Läden. Die duftenden Gewürze der süßen Leckereien sind z. B. Rosenwasser, Safran, Zimt und Kardamom. Manchmal triefen die Portionen aber von Sirup oder, wenn sie frittiert werden, von Fett. Süßigkeiten aus eingedickter Milch sind bei Indern sehr beliebt. Für Europäer sind sie doch eher gewöhnungsbedürftig.
Abwechslung zur indischen Küche findet man in Kalkutta in chinesischen Restaurants sowie in denen größeren Hotels, die zum Teil auch europäische Speisen servieren. Kolkata hat rund 500 Restaurants mit chinesischer Küche vorzuweisen.

Nicht nur Streetfood satt

Auf den Straßen gibt es auch zahlreiche fliegende Händler, die Essen anbieten. Wie immer in Indien gilt folgende Regel: Am besten an den Ständen einkaufen, an denen es voll ist und viele Einheimische essen.

Die hygienischen Verhältnisse in den besseren Restaurants sind nicht schlechter als in anderen asiatischen Metropolen. Gute Restaurants findet man vor allem am westlichen Ende der Park Street, aber auch anderswo in der Stadtmitte. Blue Fox und Moulin Rouge sind klingende Namen, die an die 1960er und 1970er Jahre erinnern, als die Straße ein kleines, aber sehr lebendiges Zentrum für Unterhaltung war. Einige Bars und Restaurants bieten noch heute Live-Musik. Die Touristen, die in kleinen Hotels in der Umgebung der Sudder Street wohnen, werden von den dortigen Küchen und Cafés versorgt.

Besonders in New Market und Sudder Street verkaufen Straßenhändler den beliebten Chai (schwarzer Tee).

Hinter New Market servieren mehrere muslimische Restaurants überwiegend Fleischgerichte, aber auch Samosas (Teigtaschen). Beliebt sind auch authentische, chinesische und muslimische Restaurants sowie tibetische Cafés.

 

Tempel der Göttin Kali

In Kolkata befinden sich auch mehrere wichtige religiöse Stätten. Einer der wichtigsten Hindu-Tempel und der bedeutendste zur Verehrung der Göttin Kali ist  ihr Tempel im Stadtteil Kalighat. Er wurde 1809 im bengalischen Stil an der Stelle errichtet, an der schon zuvor ein Tempel stand. Reiseführer Indien: Kalkutta entdeckenDer Legende nach wurde der Körper der Göttin nach ihrem Tod von ihrem Mann Shiva in viele Teile gerissen – ihr Finger landete dort, wo der Kali-Tempel heute steht.
Auf alle, die Kalkutta entdecken wollen, wirkt die Stadt anders. Die einen empfinden die indische Metropole als Moloch voller Luftverschmutzung, Chaos, Schmutz und Gestank, für andere ist sie trotz allem eine wunderschöne Stadt voller freundlicher Bengalis und kultureller Highlights.

Text und Fotos: Dr. Michael Polster