Der schroffe Kurilen-Archipel ist wohl einer der wenigen “weißen Flecke” auf der touristischen Landkarte schlechthin. Vor Ort wird man belohnt mit dramatischen Landschaften. Die Inseln Sachalin, Schikotan, Kunaschir und Iturup am Ende der Welt von Russland verbinden wie eine Brücke die russische Halbinsel Kamtschatka mit der japanischen Insel Hokkaidō.

Reportage vor Ort

Das Kurilen-Archipel ist eine zu Russland gehörige und teilweise umstrittene Inselkette, die das Ochotskische Meer vom Rest des Pazifiks trennt. Schikotan, Iturup, Kunaschir und die Inselgruppe Chabomai werden von Japan beansprucht.

Der Kurilen-Archipel: Die Inseln am Ende der Welt
Schikotan – der Beginn Russlands

Durch den Nebelschleier und die Sprühperlen, der sich an dem Schiff brechenden Wellen, zeichnet sich allmählich der Umriss der Insel ab. Der Kapitän des Schiffes “Igor Farchutdinow”, das gestern Korsakow auf Sachalin verließ, entschied sich zunächst die Insel Schikotan anzufahren. Die Route richtet sich stets nach der Wetterlage.

Die Passagiere strömen an Bord. Schichtarbeiter drängeln an der Reling. Auch Militärangehörige und ihre Familienmitglieder, die hier seit langem leben und nun aus dem Urlaub heimkehren, mischen sich kräftig dazwischen. Fotos, Videos und natürlich Selfies sind angesagt. Touristen sind nicht dabei, denn Reisende verschlägt es eher selten auf die Kurilen.

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Der Ort Malokurilskoje.

Einige Küstenwachschiffe und die Zwiebeltürme der auf einer Erhebung stehenden Kirche rücken ins Blickfeld. Später werden die Papiere von den Grenzsoldaten kontrolliert. Manche Gastfahrer, ein Teil der Ladung und der Post bleiben auf Schikotan, die für sich mit einem Slogan wirbt: “Schikotan – der Beginn von Russland.”

Das Schiff verlässt den Hafen mit der sowjetischen Aufschrift “Ruhm der Partei Lenins!”, wobei “Lenins” übermalt ist, und fährt weiter zur Insel Kunaschir, dann zur Insel Iturup und beendet die Route wieder bei Sachalin.

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Wir nähern uns Kunaschir.

Leben am Außenposten Russlands

Kunaschir ist nur durch eine knapp 20 Kilometer schmale Meerenge von Japan entfernt. Die Kurilen gelten, als Grenzgebiet und die Reisenden müssen eine Einreisegenehmigung beantragen.

Der zum Pazifischen Feuerring gehörige, ganz entlegene Außenposten Russlands bleibt geheimnisumwoben, obwohl ihn beinah jeder vom Hörensagen kennt. Nur wenige Auserwählte, die sich als glücklich schätzen dürfen, konnten die Kurilen besuchen.

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Die Mikrobiologin Anastasija Nikonowa und der Elektriker Dmitrij Tscherkasow

Ich treffe das Ehepaar aus Nowosibirsk und lasse mir ihren start auf der Insel erzählen. Im Juni 2018 betraten die Mikribiologin Anastasija Nikonowa (29) und der Elektriker Dmitrij Tscherkasow (29) erstmals den Boden von Schikotan.

“Der Augenblick, als wir in die Bucht einfuhren, prägte sich bei mir sehr stark ein”, erinnert sich Anastasija, “die in Nebel getauchte Insel war grün, die Luft war frisch, einfach toll! Es gefiel mir sofort!”

Anastasija und Dmitrij beabsichtigten sechs Monate in der Fischfabrik zu arbeiten, um Geld für die erste Anzahlung einer Wohnung auf dem Festland zu verdienen. Das Leben auf den Kurilen ist kostspielig, dafür sind aber die Löhne deutlich höher.

Der Kurilen-Archipel: Die Inseln am Ende der WeltSchikotan ließ sie aber nicht mehr los. Sie kauften eine Wohnung auf Kredit in Krabosawodskoje, einer der zwei kleinen Siedlungen. “Man fühlt hier eine gewisse Isolation, Autos- und Menschenandrang werden hier zum Fremdwort. Manchmal weiß man nicht, ob man die Insel überhaupt noch verlassen kann”, sagt Anastasija.

Denn bei schlechtem Wetter werden die Schiffe, Flugzeuge und Hubschrauber annulliert. Und keiner weiß dann, wann sich die nächste Gelegenheit bietet das Festland oder eine andere Insel zu erreichen.

Das Wetter bestimmt den Lebensrhythmus

Auf den Kurilen gehorcht alles dem Wetter, wobei es im Sommer besser damit aussieht. “Das ist eine Art geschlossenes System und das beruhigt einen aber auch. Man fühlt, dass die ganze Insel ein Zuhause ist. Ein Ort der Stille, an dem man lange verweilen kann und niemand wird dich stören.”

Anastasija und Dmitrij fehlen zwar ein Theater, ein Kino, Konzerte und Asphalt. Aber das wird von der Natur, von den zahlreichen Buchten entlohnt. “Alle Buchten sind unterschiedlich und es entstehen verschiedene Eindrücke. Wir angeln, wandern, schnorcheln und nehmen das Mofa für unwegsames Gelände”, erzählt Anastasija.

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Der Teufelsfinger bei Juschno-Kurilsk auf Kunaschir.

Ihr fehlt noch der sibirische Winterfrost, jedoch kann sie sich vorstellen für immer hier zu bleiben: “Es kommt mir vor, dass hier anstatt des Winters immer Frühling herrscht. Es ist lediglich sehr windig hier.”

Anastasijas Lieblingsbucht ist Kanatka. “Man muss etwa 20 Meter runterklettern. Dorthin, wo sich ein Strand mit großen Felsbrocken, die von oben wie kleine Kieselsteine wirken, ausbreitet. Dort trifft man Robben und der Wellenschlag komponiert eine eigene Meeresmusik. Das Wasser dort besitzt eine sehr blaue Farbe, einfach wunderschön!“

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Unterwegs zum Ende der Welt.

Auch Dmitrij kann sich ganz gut vorstellen sein ganzes Leben hier zu verbringen: “Meditation ist ein wichtiger Aspekt für mich. Sie ist einer der Gründe, weshalb ich hier geblieben bin. Ich mag die hiesige Natur, die Möglichkeit der Natur zuzuhören, sie zu beobachten, das macht fast süchtig.”

Das Ehepaar berichtet noch, wie freundlich die Inselbewohner sind und über ihre sagenhafte Willkommenskultur. Als das Paar die neue Wohnung bezog, schenkte jemand ihnen ein Bett. Die Leute beschenkten sie auch mit Krabben und Lebensmitteln. “Die Menschen hier fühlen eine Verantwortung gegenüber dem Nächsten.”

Abends bellen die Füchse vor ihrem Haus, auf das Essen wartend. Sie konkurrieren mit den einheimischen Katzen. Die exotische Kurilen Bobtail ist eine kräftige Katze mit wildem Aussehen und extrem kurzem Schwanz.

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Die Bucht der Krabben

Anastasija und Dmitrij zeigen mir gerne ihr neues Zuhause. Die unweit von Krabosawodskoje liegende Bucht der Krabben beherbergt fast malerische Schiffswracks im Wasser und zerstörte Selbstfahrlafetten am Strand.

Auf der anderen Seite der Bucht lliegen die vom Wasser an Strand gespülten großen Gehäuse der Kammmuscheln und merkwürdige Steine. Neugierige Robben beobachten die Gegend. Auf einem Pfeiler etwas abseits und einem verlassenen Schiffchen direkt an der Uferlinie steht etwas auf Japanisch geschrieben.

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Eine Bushaltestelle in Krabosawodskoje

Mit dem Bus oder per Anhalter

Später geht es mit einem Bus zur benachbarten Siedlung Malokurilskoje, den Hauptort der Insel. Die Busse verkehren hier umsonst. Will man auf den Bus nicht warten, kann man sich hier hervorragend per Anhalter fortbewegen oder ein Taxi für umgerechnet zirka 2,90 Euro nehmen.

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Der Panzerhügel in der Nähe von Malokurilskoje

Direkt bei Malokurilskoje rosten die Panzer auf einem Hügel, die Schikotan vom japanischen Angriff schützen sollten. Ein betonierter Schützengraben schlängelt sich durch das Dickicht des hier weitverbreiteten winterharten Zwergbambus.

Zurück in der Siedlung, am erhaltenen Teil des japanischen Friedhofs vorbei, geht es über die kleinen Brücken durch die einzigartige Berglandschaft zum alten japanischen Leuchtturm.

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Igor Tomason

Entweder dort oder bei einer der Brücken, die gerade repariert wird, kann man Igor Tomason finden. Der hier geborene Heimatkundler und Leuchtturmwärter Igor (54) kennt sich mit der Insel und ihrer Geschichte am besten aus.

Gerne berichtet er über den Leuchtturm: “1937 fingen die Bauarbeiten an und 1943 wurde er fertiggestellt. Das ist der letzte Leuchtturm, der von der Präfektur Karafuto auf den Territorien, die später zur Sowjetunion übergingen, erbaut wurde.”

Die Präfektur Karafuto war eine Zeit lang zum Japanischen Kaiserreich gehöriges Gebiet. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die Kurilen und der japanische Teil der Insel Sachalin russisch.

Igor erzählt auch über die japanischen Siedlungen, Ainu-Reservaten und den zerstörten Shintō-Tempel. Er sagt, dass vor 1500 Jahren, noch vor den indigenen Ainu hier eine wenig erforschte Zivilisation existierte. Gelegentlich lassen sich die Artefakte entdecken.

Igor versucht den Tourismus auf der Insel zu etablieren.

“Die japanischen Rentner kommen zu uns. Ich organisiere Reisen für sie und begleite sie auch. Anhand der alten Fotos finden wir die bestimmten Stellen und Objekte, die mit der japanischen Periode zu tun haben.”

Igor spricht noch von den Baby-Walen, die die Fortbewegung der Schiffe stören. Und von den Touristen aus Moskau, die mit Begeisterung beobachteten, wie die Wale nur 30 Meter von dem Ufer entfernt die Tintenfische jagten. Auch über die Robbenkolonie, die gelegentlich von Schwertwalen attackiert wird. Direkt beim Leuchtturm.

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Unterwegs zum Kap Ende der Welt. Das Kap ist auf dem Titelbild (oben) zu sehen.

Doch die Hauptsehenswürdigkeit, nur einen Katzensprung vom Leuchtturm, ist eindeutig das Kap Ende der Welt.

Die markante Landspitze ist nur etwa 12 Kilometer von Malokurilskoje entfernt. Eine romantische Stelle, wohin ein Mann eine Frau führt um ihr hier einen Heiratsantrag zu machen.

“Das ist ein Kult”, sagt Igor, “viele streben danach ihn zu besuchen. Gleich nach ihrer Ankunft wollen die Leute sofort hin. Erst seit 2019 kommen die Gruppen mehr oder weniger organisiert zu uns, und wir führen sie zum Ende der Welt.”

Igor meint, dass die touristische Infrastruktur auf Kunaschir viel besser entwickelt ist und wartet auf die zwei neuen Schiffe, die ab 2021 mehr Menschen auch hierher befördern sollten.

Endziel Kunaschir

Kunaschir ist tatsächlich der Infrastruktur Schikotans überlegen. Der Hauptort Kunaschirs ist Juschno-Kurilsk, eine Siedlung städtischen Typs, wo bereits viele Straßen asphaltiert sind.

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Lenin auf dem Hauptplatz von Juschno-Kurilsk

Es gibt hier deutlich mehr bunte Neubauten, einen schönen Hauptplatz mit Bänken, einen Kinderspielplatz, eine Leninbüste und sogar einen Flughafen bei der Nachbarsiedlung Mendelejewo. Auf Schikotan landen nur Hubschrauber.

Juschno-Kurilsk ist viel sauberer und zivilisierter. Es wächst auch rasch nach oben, weil nun dreistöckige Häuser gebaut werden.

Früher dominierten nur ein- bis zweistöckige Bauten: Alle Inseln sind vom Erdbeben und Tsunami bedroht. Davon zeugen die Schilder, die bei einem Erdbeben auffordern zu einer Erhebung zu laufen, oder eine sichere Zone kennzeichnen.

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Ein Spielplatz in Juschno-Kurilsk – am Ende der Welt.

Der bei dem Geheimdienst arbeitende Heimatforscher Julij Fadejew (Name geändert) konnte sich nach seinem Wehrdienst nicht von Kunaschir trennen und verblieb hier. Viele erzählen, dass sie hierher nur für eine kurze Zeit kamen, aber “die Inseln lassen einen nicht mehr los.”

Julij erkundet seit der Sowjetzeit die abgelegensten Ecken der Inseln. Seine Bilder und Videos präsentieren Kraterseen und Vulkane, unberührte gewaltige Natur, wilde Tiere und Picknicks mit kiloweise Kaviar, Seeigeln, Garnelen, diverse Muscheln, Krabben und Fisch. Darunter die gigantischen Plattfische, die den Menschen klein wirken lassen.

Mit dem Auto zeigt Julij uns den Teufelsfinger, einen der zwei markanten Brandungspfeiler. Auch die Schneemütze des zirka 1800 Meter hohen Vulkans Tjatja und ein verlassenes Schiff vor dem Vulkan Mendelejew. Dazu ein Museum, ein japanischer Friedhof und ein sowjetisches Kriegsdenkmal, das an die Operation Auguststurm, mit der der Zweite Weltkrieg endete, erinnert.

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Blick auf den Vulkan Mendelejew in Juschno-Kurilsk.

Und natürlich Japan, das sich bei gutem Wetter perfekt erblicken lässt. “Mit einem schnellen Motorboot erreicht man Japan in nur etwa 15 Minuten.”

Der gastfreundliche Julij muss zurück zum Dienst. “Ein Tourist kann nur einen winzigsten Bruchteil von den Kurilen erleben. Man muss die Inseln lebenslang unermüdlich mit Geländewagen, einem Motorboot, einem Schneemobil und einer Drohne erforschen, um sie kennenzulernen”, fügt er hinzu.

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Konstantin Dolganow

Im Juni 2019 kam Konstantin Dolganow (26) von nordwestrussischem Inta nach Kunaschir. Als seine Schichtarbeit an einer Baustelle zum Ende kam, blieb er ebenfalls in Juschno-Kurilsk stecken.

“Ich habe bereits viel erlebt, darunter eine Thermalquelle und die Vulkane Mendelejew und Golownin.” Alle Vulkane der Insel sind aktiv.

“Am schönsten fand ich den See Kipjaschtscheje. Das Wasser kocht dort und der Rauch steigt 20 Zentimeter auf.” Der See breitet sich in einer Caldera aus und wird von den vulkanischen Aktivitäten erwärmt.

Konstantin ist überzeugt: “Hier ist es wirklich schön, hier kann man einen perfekten Urlaub verbringen!”

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Der japanische Friedhof in Malokurilskoje.

Text und Fotos: Alexandre Sladkevich