Das Blau des Wassers geht hier fast immer in das Grün der Schilfgürtel über. Die stille Landschaft am Stettiner Haff im Hinterland der Ostsee ist durchzogen von Deichen und Gräben, Salzwiesen, auf denen Rinder grasen, feuchten Erlenwäldern, die der Kuckuck liebt. Und trockenen Wiesen, getüpfelt mit rosa Kugelblüten der Grasnelken.

Das Land in Deutschlands Nordosten – um das Stettiner Haff, am Peenestrom und Achterwasser vor Usedom – ist für Strandurlauber ein unbekanntes Terrain. Hier gibt es keine kilometerlangen Sandstrände und keine Souvenirläden.

Am Stettiner Haff: Kräuselnd Blau und wogend GrünIn das „Hinterland“ kommen meist Naturfreunde und Radler. Die Gewässer haben Segler und Motorbootfahrer für sich entdeckt.

Das Stettiner Haff ist die zweitgrößte Lagune der Ostsee. Das Wasser ist deutlich weniger salzig und ein bis zwei Grad wärmer als das der Ostsee. Auf der deutschen Seite ist das Haff über das Achterwasser und den Peenestrom mit der Ostsee verbunden. Auf polnischer Seite führen zwei Flüsse und der Piastenkanal zur Ostsee.

Stettiner Haff entdecken

Das Seebad Ueckermünde, an der Südseite des Haffs und deshalb gut ohne den üblichen Usedom-Autostau zu erreichen, ist eine beschauliche Stadt mit dem typischen Charme vorpommerscher Orte.

Von der kleinen Zugbrücke über die Uecker, einem sanft dahingleitenden Fluss, sind es nur wenige Meter zum Markplatz, der das Schmuckstück des Städtchens ist. Zum Strand („Haffbad“) führt ein etwa 2 km langer, asphaltierter Fußweg durch Wiesen – entlang fantasievoll geschnitzter Märchen- und Trickfilmfiguren aus Baumstämmen. Natürlich gibt es auch eine Straße zum Strand und einen Parkplatz.

Am Stettiner Haff: Kräuselnd Blau und wogend GrünIm kleinen Ueckermünder Fischerhafen, der versteckt in der Nähe des Strands liegt, ist die Arbeit der Fischer offensichtlich keine Dekoration: Reusen und Stellnetze trocknen in der Sonne. Fischer räumen ihre Boote aus und eine Verkaufsstelle bietet den Fang an. Im Juli ist Saison für Aale.

Beschaulich ist die Gegend um Ueckermünde. In Mönkebude, einem schmucken Fischerdorf, etwa 6 km westlich von Ueckermünde, drängeln sich gepflegte Häuser und Gärten um den Hafen herum. Ein kleiner weißer Strand wurde dem Schilf abgerungen und das flache Wasser, wie an den meisten Haffstränden, erfreut vor allem kleine Kinder und deren Eltern.

Auch in östliche Richtung lohnt ein Ausflug. Durch das Örtchen Bellin, direkt am Haff gelegen, eingehüllt in den Duft der Kiefernwälder, führt ein gut ausgebauter Radweg ins romantische Fischerdorf Altwarp an der polnischen Grenze.

Das Ufer des angrenzenden Neuwarper Sees kann zu Fuß oder per Rad erkundet werden: ausgedehnte Wälder, links und rechts des Wegs mit brusthohen Farnen bewachsen, und ein Grenzübergang, der nur dank schmaler Pfeiler sichtbar ist.

Plattdeutsch für Genießer

Das Achterwasser (achtern ist niederdeutsch und bedeutet hinten) ist das Gewässer „hinter“ Usedom, von der Ostsee aus betrachtet. Es verbindet das Haff mit dem Peenestrom und der Ostsee. Sanfte Landschaften auf beiden Seiten des Achterwassers, gesäumt von üppigen Schilfgürteln und verstreut liegenden Dörfern mit Kopfsteinpflasterstraßen.

Am Stettiner Haff: Kräuselnd Blau und wogend GrünAuf dem Festland und gegenüber der Insel Usedom liegt Lassan, die drittkleinste Stadt in Mecklenburg-Vorpommern. Die übersichtliche Ortschaft wirkt an manchen Ecken als wäre sie in der Zeit stecken geblieben. Vielleicht wählte deshalb das ehemals beliebte Sängerduo Rosenstolz diesen Ort 2009 als Fassade für das Video zu „Gib mir Sonne“.

Inzwischen sind zwar einige Häuser und ihre markant verzierten Eingangstüren aufwändig und liebevoll renoviert. Aber der Hafen wirkt verschlafen und so manche Bootsruine wartet auf Pflege. So fühlt sich hier ein Biber sicher, der am Abend gemächlich durch das Hafenbecken schwimmt.

Am Stettiner Haff: Kräuselnd Blau und wogend GrünAuf der gegenüberliegenden Wasserseite von Lassan erblickt man die Insel Usedom. Das Örtchen Krummin mit seinem Naturhafen und der zweitältesten Kirche der Insel ist zwar kein Geheimtipp mehr. Aber vielleicht laden gerade deshalb mehrere individuelle Cafés und Bistros zum Verweilen ein.

Schon die Anfahrt über eine Lindenallee mit über 100 Jahren alten Bäumen stimmt ein auf dieses idyllisch gelegene Dorf. Im Naturhafen hat sich Usedoms erste 4-Sterne-Marina einen Namen gemacht. Auch Nicht-Bootsbesitzer können dort im Restaurant essen und beim Ausblick auf das Achterwasser entspannen.

Von Krummin lohnt sich eine Halbtagestour in südwestlicher Richtung über Felder, die Orte Neeberg und Sauzin nach Ziemitz, einem gepflegten Dorf mit Stockrosen- und Lavendelvorgärten und einem kleinen Hafen.

Am Stettiner Haff: Kräuselnd Blau und wogend GrünOder über die Brücke aufs Festland bis nach Wolgast mit vielen historischen Gebäuden, wie der St.-Petri-Kirche und dem Rathaus.

Die Ostsee auf der anderen Seite

Für Urlauber in Zinnowitz, einem der bekannten Ostseebäder auf Usedom, bietet ein Spaziergang auf die Achterwasser-Seite des Ortes andere Eindrücke als es die auf der Ostseeseite sind. Das Achterwasser ist eingerahmt von einem weiten, wogenden Schilfgürtel, gesäumt von Deichen, die Blicke abgelenkt von breit gewachsenen Weiden und Eichen und untermalt mit den Rufen des Kuckucks und dem geschwätzigen Singen der Rauchschwalben. Übrigens: Vom Hafen Zinnowitz fährt täglich ein Ausflugsschiff ins Achterwasser.

Mit Startpunkt Zinnowitz lohnen sich Radausflüge („Usedom-Räder“ hat mehrere Standorte) in Richtung der Südspitze Gnitz, zum Beispiel vorbei an Lütow, einem kleinen Hafenort – auf nahezu überwucherten Radwegen entlang eines Hünengrabs von 3000 v. Chr. und Haferfeldern.

Verwundert wird manch ein Besucher die Erdölpumpen wahrnehmen. Die Gegend um Lütow gilt als größte Erdöllagerstätte in den neuen Bundesländern, fünf Sonden sind noch in Betrieb.

Technisch interessierte Usedom-Besucher mag es nach Karnin ziehen. Die Siedlung ist ein Ortsteil der Stadt Usedom und befindet sich am westlichen „Eingang“ des Stettiner Haffs.

Am Stettiner Haff: Kräuselnd Blau und wogend GrünHier stand seit 1875 eine Brücke, die 1933 als Eisenbahn-Hubbrücke erweitert wurde. 1945 wurde sie gesprengt. Das imposante Hubteil blieb erhalten.

Aktuell soll eine Machbarkeitsstudie herausfinden, ob hier die Verbindung zwischen Festland und Usedom belebt werden kann.

Am Stettiner Haff: Kräuselnd Blau und wogend GrünDoch vorerst bleibt Karnin ein verschlafenes Örtchen mit einem kleinen Hafen samt Imbiss und Verkauf selbstgemachter Marmeladen, einigen Fischer- und Ferienhäusern, einem Lotsenturm, der jetzt eine Ferienunterkunft ist, und einer gefällig welligen Landschaft mit wunderbaren Ausblicken auf das Stettiner Haff.

Mehr über die Ostsee finden Sie in unserem Reisearchiv.

Text: Heike Sievers
Fotos: © Heike Sievers