Annemarie Heinrichsdobler, Chefredakteurin
Annemarie Heinrichsdobler, Chefredakteurin

Anlässlich eines runden Geburtstages meines Mannes suchte ich in Rom nach einer besonderen Location. Sie kennen das sicher auch. Nicht nur ich surfe mich dann durch die diversesten Datenbanken. Man liest Bewertungen, und je länger man vergleicht, desto unschlüssiger wird man. Da bin ich sicher keine Ausnahme.

Nach gefühlt stundenlangem Surfen wählte ich ein Restaurant mit vielen positiven Bewertungen, wenig negative darunter, und netten Bildern.

In Rom angekommen, bat ich in meinem Hotel um Reservierung in dem Restaurant für den Geburtstagsabend. Bei Nennung des Lokals rümpfte die sehr freundliche Dame zwar ein wenig die Nase, aber der Gast ist bekanntlich König, und sie bemühte sich in unserem Beisein um einen Tisch. Trotz mehrfacher Intervention von ihrer und unserer Seite war es nicht möglich. Ausgebucht! Also alle Recherche umsonst.

Ich bat daraufhin um eine alternative Empfehlung. Diese kam prompt mit den Worten: „Stören Sie sich nicht an der Gegend, aber ich gehe da auch hin.“ Wer wagt, gewinnt, wir reservierten. Mit Gegend war die Nähe zur Spanischen Treppe gemeint.

Am Abend machten wir vor dem Essen einen Spaziergang und kamen zufällig an meinem ursprünglichen Restaurant vorbei. Ich outete mich bei meinem Mann. Er schaute sich das Restaurant und die Karte an und dann: „Na Gott sei dank gehen wir da nicht her, das ist ja der reinste Touristen-Abzock-Laden“.

Glück gehabt. Unsere Hotelempfehlung entpuppte sich nämlich als altes vorzügliches
römisches Restaurant mit völlig unscheinbarem Eingang – besucht nur von Römern, dem freundlichsten Service der Welt und köstlichster regionaler Küche vom Feinsten – und einem Sommelier, der wirklich gut beriet und nicht nur den teuersten Wein zum Geburtstag verkaufen wollte. Ein rundum gelungener Abend. Allerdings wäre unsere Hotelempfehlung mit zwar nur guten, aber nur ganz wenigen Beurteilungen bei jeder Touristenrecherche durchgefallen.

Eigentlich sollte ich es wissen. Hotel- oder Restaurantbewertungen im Internet sind immer nur persönliche Meinungen. Wenn andere Urlauber etwas gut finden, kann das Hotel oder Restaurant ja nicht so schlecht sein – so denken viele im ersten Moment, wenn sie Bewertungen im Internet lesen.

Doch wer genauer hinschaut, kommt schnell ins Grübeln. Denn auf den zweiten Blick zeigt sich oft, dass manche Bewertungen völlig einseitig sind. Und in anderen Beiträgen regen sich Leute über Dinge auf, die einen selbst nie im Leben stören würden.

Experten schätzen, dass bis zu einem Drittel der abgegebenen Bewertungen „Fakes“ seien – sie kommen also nur scheinbar von unabhängiger Seite. Es wird immer noch viel manipuliert, das ist ein weit verbreitetes Phänomen.

Die Noten in den Bewertungsportalen sollten Urlauber daher auf keinen Fall als alleinigen Maßstab nehmen. Zwar fischen die Betreiber von Bewertungsportalen ihrerseits Fälschungen wieder heraus. Aber es gebe immer noch genug Lücken in ihren Netzen, so die Fachleute.

Wenn ein Restaurant ausschließlich von Touristen frequentiert wird, kann es natürlich schnell auf eine sehr hohe Anzahl von Bewertungen kommen. Und ob dann die Qualität des Essens oder das mit vielen Weinflaschen dekorierte Lokal den Ausschlag für die positive Bewertung gab, lässt sich nicht erkennen. Auch bei negativen Bewertungen ist manchmal Skepsis angebracht, denn es gibt keine absolute Fälschungssicherheit im Netz. Oder der Koch/das Service hatte private Probleme und war deshalb nicht so fit wie immer. Oder der Gast hatte selbst einen schlechten Tag?

Auch Bilder können sehr irreführend sein. Das gilt etwa für ein Foto, das am Ende der Frühstückszeit vom Hotelbuffet geschossen wird. Dann sieht jedes Buffet zerrupft aus. Mit einem Foto lassen sich die Dinge aber auch extrem schönen. Der Blick vom Balkon aufs Meer sieht zunächst einmal immer hübsch aus. Dumm nur, wenn der Bildausschnitt dabei so gewählt wurde, dass man die Baustelle am Hotel nicht sehen konnte.

Beim Text sollten Nutzer dann hellhörig werden, wenn Werbesprache benutzt wird, betonen Tourismusexperten, die Hotels und andere Unternehmen aus der Reisebranche beraten, immer wieder: Großzügige Zimmer sagt normalerweise zum Beispiel kein Mensch.

Klar muss immer sein: Ob ein Restaurat oder Hotel gefällt oder nicht, ist letztlich Geschmackssache. Was der eine mag, ist für den anderen ein No-go. Es gibt daher nicht immer wahr oder falsch bei Bewertungen.

Wenn Sie wissen wollen, welches Kleinod wir in Rom entdeckten, schreiben Sie mir eine kurze Mail. Und ich gab selbstverständlich eine gute Empfehlung ab…