Vier große Schlote dominieren Wolfsburg, das es ohne VW-Werk gar nicht geben würde. Ein Besuch in Deutschlands einziger komplett neu geplanten Stadt, die nun doch schon 88 Jahre zählt. Die Reißbrettstadt Wolfsburg in allen Facetten ist einen Besuch wert. Ein kleiner Reisebericht.
Ein Mann zieht genüsslich seine Bahnen im Pool, der hellblau als Ponton ins dunkle Hafenbecken eingelassen wurde. Trotz Energiekrise ist das Wasser knapp 30 Grad warm. Es ist Winter, das Wasser dampft und die Kulisse wird durch den Dampf noch unheimlicher, aber auch interessanter.
„Nirgends auf der Welt bezahlt man für den Blick auf eine Industrieanlage einen Zuschlag. Als sei es Meerblick!“, sagt der Mann, als er mit seiner neonfarbigen „Speedo“-Badehose aus dem 40-Meter-Pool steigt.
Auch die Liegestühle, Laufbänder und Stepper sind im verglasten Kraftraum zum Kraftwerk hin ausgerichtet. Der Mann ist Gast im Luxushotel „Ritz-Carlton“, zu dem das Becken im Hafenbecken gehört, und er hat ein Zimmer „mit Kraftwerkblick“ gebucht. „Einmalig“, sagt er. „Sowohl das Mehr-Blick-Zimmer als auch der Mehr-Blick-Pool …“
Graue Maus unter den Großstädten?
Wolfsburg ist eine der grauen Mäuse unter den Großstädten der Republik. So sieht zumindest das Image aus. Gegründet als Stadt des KdF-Wagens, denn erst seit 1945 heißt Wolfsburg tatsächlich Wolfsburg.
Eine Brücke mit zwei Laufbändern über Bahngleise und Kanal trennen die Innen- von der Autostadt.
Pink-Floyd-Fans erinnern sich beim Gang über die Stadtbrücke angesichts der vier Schlote unwillkürlich an das Cover des Albums „Animals“, das ein ähnlich monströses Kraftwerk zierte: Londons Battersea Power Station.
Nur fliegt in Wolfsburg kein Schwein zwischen den Türmen herum. Dafür fliegen rechter Hand in der Volkswagen-Arena die Bundesliga-Fußbälle. Das Stadion der VfL-Herren- und der weit erfolgreicheren VfL-Damenmannschaft liegt mitten im Allerpark, Deutschlands größtem öffentlichen Freizeitareal.
Und geradeaus stehen echte Autos wie Miniaturmodelle in den Schaufenstern der vorwiegend gläsernen Autostadt.
Als die Stadt von Hitler gegründet wurde, war an dieser Stelle nichts außer Weide- und Brachland sowie der gerade fertiggestellte Mittellandkanal. Ein Tausend-Mark-Reichsauto sollte her, aber die Autobauer zogen nicht mit bei dem Projekt.
Also sollte eine Stadt am Reißbrett mit einem Werk entstehen. Nördlich des Kanals sollte gearbeitet und südlich davon gewohnt und gelebt werden. Diese Aufteilung hat bis heute Bestand.

Im Mai 1938 legten die Nazis den Grundstein für das Werk und bauten binnen vier Jahren die ersten 3000 attraktiven Wohnungen: für damalige Verhältnisse luxuriös, zum Teil sogar mit Elektroherd, Bad und WC ausgestattet.
Mussolini schickte zügeweise seine Landsleute für den Aufbau von Werk und Stadt. Den KdF-Wagen, den Kraft-durch-Freude-Wagen, gab es allerdings nie. Mit Kriegsbeginn wurde die Produktion auf Rüstungsgüter umgestellt.
„Ich bin wie ein Italiener aufgewachsen!“, erinnert sich Gästeführer Bernhard Knorn, 1955 in Wolfsburg geboren. „Und inzwischen lebt bereits die dritte Generation Italiener in unserer Stadt“ – und außerdem 150 weitere Nationalitäten.
Die amerikanische Besatzungsmacht gab der KdF-Stadt am 25. Mai 1945 den neuen Namen Wolfsburg in Anlehnung an das gleichnamige Schloss nördlich der heutigen Autostadt.
Dann nahm das berühmte deutsche Wirtschaftswunder in Wolfsburg seinen Lauf – und zwar par excellence: Der erste VW Käfer lief schon 1946 vom Band. Zwei Jahre später lebten und arbeiteten 20.000 Menschen in Wolfsburg, 1963 bereits 85.000.
Die Stadt atmete Jahr für Jahr und Jahrzehnt für Jahrzehnt synchron mit dem VW-Werk. Letztlich ist das so bis heute. Die Produktionsflächen des Autobauers sind größer als das Staatsgebiet von Monaco, die Arbeitslosigkeit ist niedrig, das Pro-Kopf-Einkommen hoch und am Fließband stehen kaum noch Arbeiter, sondern vorwiegend Roboter.
Einer der die Nachkriegsphase und die Entwicklung der Stadt fotografisch begleitete, war der 2006 in Wolfsburg verstorbene Heinrich Heidersberger. Das Buch „Wolfsburg – Bilder einer jungen Stadt“, 1963 erschienen, zeigt den Weg der Retortenstadt: „Die junge Stadt musste nichts übernehmen, was jede alte belastet“, schrieb Heidersberger im Vorwort. „Denn jede alte Stadt hat ihre armen und reichen Quartiere, ein Gegensatz, den kein Baumeister vertuschen oder beschönigen kann.“

Sohn Benjamin, selbst Fotograf, Medienkünstler und Publizist, kümmert sich im Institut Heidersberger im Schloss Wolfsburg um den künstlerischen Nachlass und meint: „Das Buch ist eine visuelle Auseinandersetzung mit der Utopie der idealen Stadt“.
Ansätze, die es schon öfters gab, die aber letztlich doch nur Ansätze blieben. Ob in den Reißbretthauptstädten Canberra und Brasilia oder bei Le Corbusiers verwegener Idee das indische Chandigarh als eine Stadt zu bauen, die architektonisch dem menschlichen Körper gleicht, wo im Kopf entschieden und in den Armen und Beinen gearbeitet wird.
Arbeit, Kunst und Kultur
Natürlich ist auch Wolfsburg weit davon entfernt, eine ideale Stadt zu sein. Aber die Stadt entwickelte sich: Mit bedeutender Architektur sollte das Arbeiterstadt-Image aufpoliert werden.
Das Kunstmuseum zeigte Turrell, Warhol, Beuys. „Wir bringen drei bis vier hochkarätige Ausstellungen pro Jahr und damit die Welt nach Wolfsburg“, sagt Otmar Böhmer, Geschäftsführer des Kunstmuseums.
Mit Kulturzentrum, Phaeno, Fußball, Designer-Outlets und Freizeitpark – alles innerstädtisch angesiedelt – kam man zudem den populären Interessen entgegen.

Das Phaeno ist ein Mitmach-Wissenschaftszentrum und Kunstwerk zugleich. Im Inneren entdeckt man Phänomene aus Naturwissenschaft und Technik, erzeugt Blitze oder staunt über den größten Feuer-Tornado Europas. Die Hülle dagegen ist ein Werk von Zaha Hadid, die mit ihrer kühnen Betonkonstruktion auf der Stadtseite einen mächtigen Kontrapunkt zu den VW-Schloten auf der anderen Seite des Kanals setzte.
Fast selbstredend wurde beinahe alles aus VW-Mitteln finanziert, direkt oder indirekt über Stiftungen. Letztlich werden auch fast alle Initiativen, die aus dem Rathaus kommen, in der Vorstandsetage im VW-Werk abgesegnet, heißt es in Wolfsburg mit nur ansatzweise vorgehaltener Hand …
Aber der Diesel-Gate kostete viel Geld und die E-Mobilität wird zunächst auch enorme Summen verschlingen, was bedeutet: Das Geld fließt nicht mehr so freizügig wie einst, als im Expo-Jahr 2000 die niedersächsische Landeshauptstadt Hannover mit Wolfsburg eine Art Zweigstelle bekam, weil VW-Patriarch Piech der Welt VW und seine damals neue Autostadt präsentieren wollte.
Piech wünschte auch unbedingt ein „Ritz-Carlton“ in Wolfsburg. Die Amerikaner sollen zunächst nur mit dem Kopf geschüttelt haben: „Was sollen wir denn in Wolfsburg?“ Doch die Hotelmanager ließen sich dann aber wohl von Piechs Scheckbuch überzeugen.
Heute gehört das „Ritz-Carlton“ zu den besten Stadthotels in Deutschland und im hauseigenen Restaurant „Aqua“ steht mit Sven Elverfeld einer der besten Köche am Herd, den „Michelin“ seit 14 Jahren kontinuierlich mit drei Sternen auszeichnet.
Die graue Maus Wolfsburg mit ihren heute 125.000 Einwohnern sieht also ganz schön bunt aus, sogar am Abend, wenn einige Gäste im grell hellblauen „Ritz-Carlton“-Pool vor der dunklen Kulisse der vier Kraftwerksschlote wieder vergnüglich ihre Bahnen ziehen.
Wenn Sie mehr über das herz der Autostadt wissen wollen, lesen Sie hier einfach weiter.
Text: Jochen Müssig
Fotos: ©Marriott International, ©Jochen Müssig (3 Bilder), ©Institut Heidelberger, ©Jochen Müssig (4 Bilder)




































