Am Titicacasee in Peru ist auf knapp 4.000 m Höhe einiges anderes als gedacht. Auf „Kamisaraki!“ folgt „Waliki!“. Das ist so beim Stamm der Urus auf den schwimmenden Inseln. Und bei den Taquileños gibt es strickende Männer – nur wegen der Frauen…
Kamisaraki heißt wörtlich übersetzt „Wie geht’s?“ und wird als Begrüßung verwendet. Also antwortet Mama Auwelia mit herzlichem Lächeln: „Waliki!“ – gut geht’s!

Frau Auwelia begrüßt die Gäste auf ihrer Insel Totora Marka, die sie sich mit ihrem Mann, der seit vier Uhr draußen beim Fischen ist, und den drei Kindern teilt. Die Familie lebt zum Teil noch vom Fischfang, der zum einen zum Eigenbedarf dient, aber auch für Tauschgeschäfte: Gegen frischen Fisch bekommt man am Festland Kartoffeln und Mais sowie auch bares Geld.

Und wie alle 2.000 Urus, die auf 49 verankerten der insgesamt rund 80 schwimmenden Inseln im Titicacasee wohnen, lebt auch die Familie Auwelia inzwischen hauptsächlich vom Tourismus. Und das ist Mutters Geschäft.
Sie ist bekleidet mit mehreren bunten Röcken und Jacken übereinander. „Ja, ja“, sagt sie, „von unten kommt es immer kalt, wenn man auf dem See lebt …“, auch wenn es mittags oft bis zu 20 Grad hat.
20 Grad! Auf 3.809 m Höhe! Der Titicacasee ist der höchste schiffbare See der Welt, der 18. größte natürliche See und mit seinen knapp 8.500 Quadratkilometern fast so groß wie Korsika.

Drei Monate für ein Haus
Auf Mama Auwelias Schilfinsel läuft man wie auf einer Luftmatratze, was aber nicht an einer möglichen Höhenkrankheit liegt. Der begegnet man im Übrigen damit, am Ankunftstag wenig zu unternehmen, es ruhig angehen zu lassen, sowie viel Wasser und am idealsten Coca-Tee zu trinken.
Auf den ersten Blick wirken die Inseln wie ein Wunderland aus Schilf, das von farbenprächtig gewandeten Indios bewohnt wird.
Routiniert zeigt Señora Auwelia ihr kleines Eiland und wartet mit erstaunlichen Fakten auf: Drei Monate Arbeit braucht man für ein Haus aus Totora-Schilf, acht Monate für ein Schilfboot und ein Jahr für eine Insel.
Wobei die Haltbarkeit jeweils begrenzt ist. Der zwei Meter dicke Wurzelblock, auf dem alles gebaut ist, hält zwar 20 Jahre, doch alle drei Wochen muss Schilf nachgelegt werden. Ein Boot wird schon nach 18 Monaten unbrauchbar.
Und dennoch sind die bewohnten Schilfinseln ein seit Jahrhunderten autarkes Dorfgebilde, heutzutage auch mit Krankenhaus, Schule, Kirche und ein paar sehr einfachen Pensionen.
Rund 50 Euro kostet die Nacht pro Person, inklusive Frühstück und Abendessen, in einer Schilfhütte mit vier Matratzen, die ebenfalls aus Schilf sind. Mehr Einrichtung gibt’s nicht.
Eine Übernachtung ist nur für Hartgesottene zu empfehlen. Die Nächte dort sind sehr kalt und klamm. Inzwischen gibt es aber auch eine komfortable Lodge, die aber mit der Uru-Bauweise nichts mehr zu tun hat.
Der Kuchen wird aufgeteilt
Pro Tag dürfen maximal 30 Schiffe bei den Urus anlegen. Die meisten der täglich 200 bis 250 Touristen kaufen handgemachte Souvenirs oder buchen eine Tour mit einem Schilfboot.
Das bringt heutzutage mehr Geld als der Fischfang. Weshalb der Dorfchef die Touristenschiffe genau nach Plan zuteilt, so dass jede Familie ein gleich großes Stück vom Urlauberkuchen abbekommt. Gut 20 Jahre Tourismus hinterlassen eben Spuren.
Seit 800 vor Christus bewohnt
Wenn man nun glaubt, das Beste vom Titicacasee gesehen zu haben, täuscht man sich, denn es gibt ja noch die Taquileños, die bis heute nach den Bräuchen der Inka leben.
Ihre Insel gilt seit 800 vor Christus als bewohnt und die kulturellen Eigenheiten auf Taquile sorgen für weitere Überraschungen.
Die Insel ist touristisch weit weniger durchorganisiert als bei den Urus. Die höchste Erhebung liegt über 4.000 m.
Und die Insel ist bekannt als die der strickenden Männer. Es ist wohl der einzige Platz der Welt, wo Männer keine Frau abkriegen, wenn sie nicht ordentlich stricken können.
„Und passiert das mal“, sagt Salvador von der Kooperative und wie alle Insulaner in Tracht, „fällt die Verantwortung auch auf den Vater zurück: Denn der hat dann seinem Sohn das Handwerk nicht richtig beigebracht“.
Meisterstück Chullo
Wobei das Meisterstück die Chullo ist, eine Mütze, die so dicht gestrickt sein muss, dass man Wasser damit transportieren kann. Tropft es durch, wird die Auserwählte die angestrebte Ehe nicht eingehen.
Die Tradition will das so, weshalb die Buben schon ab sieben Jahren beginnen, das Stricken zu lernen auf Taquile, dieser Titicacasee-Insel für 2.000 eher scheue und konservative Einwohner, die trotz der Strickerei eine Macho-Insel ist. Denn die Frauen gehen in der Öffentlichkeit zwei Schritt hinter ihrem Mann, wenn denn einst die Mütze dicht war …
Die Chullo ist aber nicht nur wärmend, sondern auch aussagekräftig: Rot heißt „ich bin verheiratet“, rot-weiß steht für „ledig, bin aber heiratswillig“ und weiß bedeutet „ledig, aber gerade an Frauen nicht interessiert“.
Zudem gibt die Chullo Auskunft über den Rang in der Gesellschaft, weshalb kein Taquileño ohne seine Mütze aus dem Haus geht. Am Marktplatz versammeln sich die Männer immer wieder lose, ohne feste Zeiten, nach Lust und Laune: Dann stricken sie zusammen und tratschen …

Ohne Fisch kein Leben
Die Dorfgemeinschaft lebt nach drei alten Inka-Regeln: nicht stehlen, nicht lügen, nicht faul sein. Natürlich kommen nach Taquile Touristengruppen, die den Bewohnern auch ein gutes Zubrot bescheren.
Eine Abhängigkeit vom Tourismus wie inzwischen bei den Urus ist jedoch nicht erkennbar. Salvador von der Kooperative sagt: „Ja, wir verkaufen unsere handgemachten Mützen, Webereien und Textilien an Touristen. Hier bei uns auf der Insel, aber inzwischen auch schon im ganzen Land. Aber wir alle leben immer noch vom Fischfang – wie zu Zeiten von meinem Opa … Ohne Fisch kein Leben!“
Was für die Inselgäste angenehm ist: Man wird nirgendwo gedrängt, etwas zu kaufen und kann sich die handgefertigten Sachen in Ruhe anschauen.
Bahnfahrt bis 4.319 m
Peru wird im Allgemeinen stets mit Machu Picchu gleichgesetzt. Und nahezu jeder europäische Erstbesucher plant auch Machu Picchu ein.
Als Reiseanhängsel zur weltbekannten Ruinenstadt der Inkas ist der Titicacasee ideal. Vor allem, wenn man mit der Bahn anreist.
Ab Cuzco, das auch Ausgangsort für Machu Picchu ist, mit dem „Andean Explorer“. Eine Fahrt auf höchstem Niveau – im Wortsinn, denn der tiefste Punkt der Fahrt liegt auf 3.121, der Höchste auf 4.319 m.
Zum Vergleich: Unsere Zugspitze knackt nicht mal die 3.000-m-Marke und der höchste Berg unserer österreichischen Nachbarn, der Großglockner, kommt gerade mal auf 3.798 m.
Der Zug fährt durch den Markt
Anden-Fans sitzen im offenen Aussichtswagon am Zugende – mit einem Pisco Sour in der Hand, um das Naturbreitwandkino zu erleben. Der Pisco schwappt auch mal über, wenn Lokführer Dante eine Vollbremsung für eine Lama-Familie hinlegt, die es sich auf dem Gleis bequem gemacht hat.
Und in der Bergbaustadt Sicuani fährt Dante seine Lok im Schritttempo: 50 cm neben den Gleisen verläuft der Markt der Stadt.
Dante bleibt cool: Er fährt die Strecke seit 27 Jahren, schon seit der Zeit, als es auf ihr ausschließlich Güterverkehr gegeben hat.
Weitere Informationen:
Anreise: Via Paris und Lima mit Air France nach Cusco (mit Glück ab 850, in der Regel ab 1100 Euro, airfrance.de). Von dort nach Juliaca zum Titicacasee (ab 150 Euro, latamairlines.com).
Sehr schön, aber teuer per Bahn mit dem „Andean Explorer“ ab Cuzco zum Titicacasee, inkl. Schlafkabine, Mahlzeiten für 3 Tage ab 3500 Euro (belmond.com).
Einreise: Für EU-Bürger ohne Visum mit gültigem Reisepass bis 90 Tage Aufenthalt.
Geld: Für 1 Euro bekommt man 4 Soles. Euro, US-Dollar und Kreditkarten werden auf den Inseln kaum akzeptiert. Geldtausch am besten an Automaten in den Städten.
Bootstouren: ab Puno zu den Uru-Inseln ab 25 Euro und weitere 25 Euro von dort nach Taquile; Fahrtzeit jeweils ca. 1 Std.
Übernachtungen auf den Inseln: Man kann vor Ort fragen, aber nicht vorab reservieren (ca. 50 Euro, inkl. HP). Komfortable Lodge auf dem Wasser ab 250 Euro, inkl. HP, Transfers von/zum Festland, 3 Ausflüge titicacalodgeperu.com.
Weitere Infos: www.peru.travel
Weitere Tipps für Süd- und Mittelamerika, sowie Reiseberichte finden Sie von der Rubrik Welt.
Text: ©Jochen Müssig
Fotos von oben: ©Edmund Heinrichsdobler (1 Bild), Jochen Müssig (15 Bilder)



































