Aufmerksame Leser von genießen & reisen ist unser Autor Thomas Bauer dank seiner lebendigen Reportagen bekannt. Was treibt ihn an und warum zieht er immer wieder los. Wir lassen ihn selbst zu Wort kommen …

Thomas Bauer: Eine mannshohe Hecke umgab den Garten meines Elternhauses. Als 6jähriger stand ich vor ihr und versuchte, einen Blick nach drüben zu erhaschen. Bald stand fest, dass ich auf die andere Seite gelangen musste.

Thomas Bauer: Neugier auf die Welt
Das Buch vereint 80 Kurzgeschichten mit Unterhaltung, Information und dem Spaß am Rätseln. Ein Hymne auf das Unterwegssein. 288 Seiten + CD. Edition Mundwerk ISBN 978-3-95996-205-6. 30,00 €

Meine ersten Versuche – ich warf mich gegen das Gestrüpp, legte unterirdische Gänge an – scheiterten kläglich. Als meine Eltern das nächste Mal ausser Haus waren, schaffte ich es dank einem Kissen, das ich erst hinauf, dann über die Hecke warf und mit einem dünnen Thriumphschrei hinterhersprang.

Eigentlich hat sich seither nicht viel verändert. Noch immer zieht mich ein naiver Entdeckermut hinaus, nehme ich tragbare Risiken in Kauf und mache mir erst unterwegs Gedanken über den weiteren Verlauf meiner Reise.

Auch der Hang zu ungewöhnlichen Fortbewegungsmitteln ist mir geblieben: Im Kajak paddelte ich die Donau entlang, auf einem Hundeschlitten zog ich durch Grönland, per Fahrradrikscha fuhr ich durch Südostasien.

Ich umrundete Frankreich auf einem Postrad, folgte der türkischen Mittelmeerküste in einem Liegerad und gelangte im Velomobil den Mississippi entlang bis nach New Orleans.

Am Ende traf ich in allen Erdteilen auf Menschen, die mir halfen. Sie luden mich ein und gaben mir ihre Geschichten mit auf den Weg.

Erst wenn man selbst nachsieht, merkt man,
wie groß und rätselhaft die Welt ist.

Wo überall Bestätigungen unserer Meinungen lauern, kommt es mehr denn je darauf an, unsere Überzeugungen in Lebensgefahr zu bringen. Überstehen sie die Bedrohung, werden wir stärker; wenn nicht, ersetzt man die bisherigen Ansichten durch bessere.

Reisen bedeutet Hinterfragen: Gewissheiten können sich als Übereinkünfte entpuppen, manches wird anderswo besser geregelt als zuhause.

Es ist kein Zufall, dass jede Diktatur, die etwas auf sich hält, ihren Bewohnern das Reisen erschwert – nichts führt uns unsere Freiheit klarer vor Augen. Wir könnten jeden Moment losfahren, den erstbesten Zug nehmen, einen neuen Weg einschlagen.

Neun von zehn Hollywoodfilmen basieren darauf, dass ein Held ein System besiegt. Warum sprechen uns solche Filme an? Weil wir, die wir doch eigentlich Rockstars sein wollen, Künstler, Prinzessinnen und Abenteurer, am Ende doch in irgendeiner Firma oder Verwaltung gelandet sind.

Reisebericht: 400 km durch Kanada paddelnAuf Reisen aber erkennen wir, welche Teile unseres Charakters veränderbar sind und was unverrückbar zu uns gehört. Am reizvollsten sind gerade die Momente, in denen man nicht weiß, was als Nächstes passiert.

Wer nicht vom Weg abkommt, bleibt auf der Strecke.

Wie oft habe ich mich unterwegs verirrt, habe Gepäckstücke zurückgelassen oder mit der Post nach Hause geschickt! Doch der lustvolle Kontrollverlust, den wir „Abenteuer“ nennen, ist rar geworden. Wann konnten wir zuletzt beweisen, was in uns steckt?

Wie erfahren wir, ob das, was wir tun, bedeutsam ist? Wissen wir, wie sich ein Faustschlag anfühlt, ein Sprung ins Meer, eine hautnahe Begegnung mit einem wilden Tier?

Ich bin immer wieder losgezogen, um es herauszufinden, und in einer Welt voller Rätsel und Wunder gelandet.

Das ist doch ganz gut gelaufen. Eigentlich wollte ich längst einen Roman über die Wissenschaft schreiben, und einen zweiten über die Nacht. Was oder kann man tun, wenn das Leben dazwischenfunkt und seine beste Karte ausspielt: Du sollst Außergewöhnliches erleben, solange du das kannst. Das tue ich.

Reisereportage: Pilgern in Japan
Selfie vor einem der 88 Tempel in Japan

In einer Bergfalte des nordindischen Himalaya konnte ich einen der letzten Schneeleoparden in freier Wildbahn beobachten, bei Maracaibo an der kolumbianisch-venezolanischen Grenze hielt ich eine Anakonda in den Händen, im neuseeländischen Abel-Tasman-Nationalpark schwamm ich über Rochen hinweg.

Im bolivianischen Santa Cruz wäre ich um ein Haar entführt worden, im türkischen Hatay versuchte man, mich für die kurdische Rebellion zu gewinnen, in Nairobi ging ich, einem Impuls folgend, doch nicht ins Westgate-Einkaufszentrum, das kurz darauf von Anhängern der Al-Shabab-Miliz gestürmt wurde.

Ich kostete Ratte an einem Straßenstand in Südlaos, aß Eisbärenfleisch und rohes Robbenherz in Nordostgrönland. In den argentinischen Anden merkte ich auf 6.000 Metern, wie sich die Höhenkrankheit anfühlt, in Bangkok übernachtete ich in einem Billigbordell, in dem rechts und links von mir „gearbeitet“ wurde, im bulgarischen Vidin fragte man mich beim Einchecken, ob ich mein Hotelzimmer mit oder ohne Frau wolle.

Eine echte Reise kehrt die Einstellung gegenüber Raum und Zeit um.

Wir haben uns angewöhnt, den Raum zu vernachlässigen. Was früher eine tagelange Kutschfahrt, eine mehrwöchige Schiffsreise entfernt war, erreicht man heute binnen Stunden per Flugzeug.

Die Zeit ist dagegen wichtiger geworden. Ständig verlangt sie, „genutzt“ zu werden. Moderne Lebensläufe gleichen Sinfonien ohne Pausenzeichen, Beethovens „Neunte“ auf Speed.

nterwegs wird der Raum wichtig: Wir sehen die Welt wie durch Kinderaugen, bemerken Kleinigkeiten am Wegesrand und geben unserer Umgebung die Chance, uns zu beeindrucken.

Die Zeit verliert dagegen an Bedeutung: Wenn ich ein Etappenziel heute nicht erreiche, komme ich eben morgen dort an. Reisen ist ein Katalysator für unsere eigene Veränderung. Durch die Begegnung mit dem Anderen und den anderen glühen neue Aspekte in uns auf: Das erhoffen wir, wenn wir „das Weite suchen“. Dann nämlich kann man Vorurteile abschütteln und manche Dinge in der Heimat erst richtig schätzen lernen.

Früher lebte man an einem Ort, ohne zu wissen, an welchen anderen Orten man stattdessen leben könnte. Diese sorglose Unwissenheit ist uns nicht länger gegeben. Wir sind „zur Freiheit verurteilt“, sagt Jean-Paul Sartre, und das bedeutet, dass wir zeitlebens um unseren Lebensweg ringen müssen.

Auf dem Franziskusweg von Florenz nach Rom: ein ReiseberichtErst wenn man die eigene Komfortzone gesprengt hat, stellt man seinen Charakter durch Entscheidungen und Taten auf ein stabiles Fundament.

Jeder von uns kann Geschichten erzählen, die es wert sind, weitergegeben zu werden. MALEGRÍA steht eintätowiert auf meiner linken Wade. Seit jeher zieht mich diese Mischung aus Weltschmerz (französisch: mal) und Lebensfreude (spanisch: alegría) in ihren Bann.

Um solche Weltsichten zu finden, wurde ich zum Geschichtenjäger. Im Zentrum meiner Reisen steht immer der Mensch, der sich windet und kämpft: Ich will herausfinden, warum und wofür.

Die Menschen, denen ich unterwegs begegne, erzählen mir Dinge, die sie ihren Nachbarn verheimlichen, eben weil sie wissen, dass ich demnächst wieder weg sein werde.

Mich interessiert besonders, wie die Umgebung auf uns wirkt. Was macht es mit uns, wenn wir im Gebirge wohnen oder am Meer? Wie verändern wir uns, wenn Touristen kommen, sich unser Dorf, unsere Stadt entwickelt?

Die Welt wird größer, je mehr man von ihr sieht

Sie ist im Gegensatz zu Herrn Tur Tur, dem Scheinriesen aus „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“, ein Scheinzwerg. Einer, der wächst und sich uns entwindet, wenn man ihm näherkommt. Wie findet man einen besonderen Ort?

Ganz einfach: Wenn Worte beschreiben können, wo man gerade ist, geht man weiter. Die Worte, die zu einem besonderen Ort passen, fallen einem bestenfalls hinterher ein. Die Ankunft an einem Ort, wie besonders er auch sein mag, ist im Grunde genommen immer banal. Sie kann sich bedeutsam anfühlen, doch nur für einen selbst.

Das Unterwegssein hingegen, dieses Kämpfen, Vorwärtskommen, sich Verwandeln, dieses hartnäckige Scheitern und das noch hartnäckigere Weitermachen, das Aufflattern von Möglichkeiten, das Sichtbarwerden neuer Wege, die Unsicherheit, das „In-der-Schwebe-Sein“ und die sich abzeichnenden Wendepunkte, die ich kaum erwarten kann – kurzum die Bewegung auf ein Ziel hin: Es ist das Leben selbst, das sich darin spiegelt.

Thomas Bauer: Neugier auf die Welt
Abenteuer-Triologie. Abenteuer Europa, Abenteuer Amerika, Abenteuer Asien, jeweils ca. 356 Seiten,
Mana Verlag, je 24,00 €

Ich will immer wieder hinaus ins Unbekannte, mich zurechtfinden in der Fremde und neue Aufgaben meistern – so wie wir alle immer weitergehen, unsere Möglichkeiten erweitern und anderen davon berichten.

Wir sind die Summe unserer Entscheidungen und Erfahrungen, und wir werden einander immer Geschichten erzählen.

Was uns antreibt, ist Neugier auf die Welt.

„Seit 30 Jahren „suche ich das Weite“ und bin abenteuerlich unterwegs in aller Welt. Jetzt sind im MANA-Verlag gleich drei Reisebücher mit meinen wildesten Erlebnissen, hanebüchensten Begegnungen und lustigsten Missverständnissen erschienen: „Abenteuer Europa“, „Abenteuer Asien“ und „Abenteuer Amerika“. 1.000 Seiten pure Reiselust: Es ist ein echtes „Best of 30 Jahre Abenteuerreisen“ – und zugleich ein Fanal, denn im September werde ich 50.“ 

Wir gratulieren ihm herzlich und wünschen ihm für die nächsten 30 Jahre weiterhin Mut, Neugier und die Gesundheit, um die Welt zu erkunden und zu beschreiben…

Und hier geht es zu seinen Reiseberichten auf unserer Plattform.

 

Fotos: Thomas Bauer, Buchcover Mana-Verlag

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