In Südtirol hat der Weinanbau Tradition. Doch der Ruf der Weine rund um den Kalterer See hat unter der Periode der Massenproduktion gelitten. Einige Weingüter kämpfen gegen das Image an. Ihre Geheimwaffen für naturnahen Weinbau: Biodynamik, gregorianische Choräle, die Mondphasen und Bergkristall.

Was herauskommt, wenn ein Önologe und eine Krankenschwester, die auf Homöopathie schwört, einen traditionsreichen Weinberg übernehmen, zeigt das Beispiel von Manincor. „Hand aufs Herz“ heißt der Ansitz, der 1608 gebaut wurde, übersetzt.

Südtirol: Ein Wiegenlied für den Wein
Grafenpaar

Gräfin Sophie und Graf Michael Goëss-Enzenberg haben das Motto beim Wort genommen: „Uns ist es wichtig, möglichst authentischen Weinbau zu betreiben und dabei mit der Natur im Einklang zu leben“, erklärt Gräfin Sophie.

Nach elf Jahren naturnahen Weinbaus wagten sie 2002 den nächsten Schritt: einen komplett biodynamisch ausgerichteten Weinkeller. 40.000 m³ Erde wurden in 6.000 LKW-Ladungen abtransportiert, der Weinkeller eingebettet und der Weinberg darüber wieder angelegt.

Südtirol: Ein Wiegenlied für den Wein, Foto ManicorBiodynamische Architektur

„Durch ausgeklügelte Architektur dringt in den Keller so viel natürliches Licht wie gewünscht“, erklärt die Gräfin und schaltet das Oberlicht aus, das ein Mitarbeiter unachtsam angelassen hatte.

Dann dringt sie weiter in die unterirdische Schatzkammer ein und zeigt stolz einen Teil der bis zu 200.000 Flaschen Jahresertrag, die hier reifen.

Mächtige Sichtbetonwände lassen die Erdfeuchte in den Keller eindringen, ein intelligentes Belüftungssystem verteilt sie. Das Flaschenlager muss schließlich trocken bleiben, während der Barrique-Keller eine gewisse Feuchte braucht.

Geothermie trägt zur Temperaturregelung bei. Wärmetauschpumpen können die Erdwärme aus 80 m Tiefe einspeisen und bei Bedarf im Sommer Wärme ableiten.

Südtirol: Ein Wiegenlied für den Wein, Foto lagere

Südtirol: Ein Wiegenlied für den Wein
Alois Lageder

Der Niedrigenergiebau des Weingut Tòr Löwengang von Alois Lageder aus Magrein, der 1996 erbaut wurde, bedient sich ähnlicher Techniken: Niedrigtemperatur-Deckenstrahlheizung, Wärmerückgewinnung, Photovoltaik und Sonnenkollektoren sowie eine natürliche Felswand als Klimaanlage sind nur einige Schlagworte.

Das Herzstück des Baus bildet ein 15 m hoher Kelterturm, der die Schwerkraft ausnutzt. Die Trauben werden so ohne Pumpen oder mechanische Eingriffe – quasi im freien Fall – gekeltert.

Auch in Manincor zieht sich ein Kelterturm durch die drei Stockwerke des Weinkellers, um mechanische Verletzungen von Schalen und Kernen zu vermeiden.

Auf der Ebene des Gärkellers stehen neun Holzgärständer, in denen vor allem die edlen Rotweine offen vergoren werden. „Bis zu 80 % unserer Weine vergären spontan, ausgelöst durch natürliche Hefen aus dem Weingarten. So erhalten wir elegante, vielschichtige Weine“, erklärt Graf Michael.

In Schwingung

Am Grund des 3.000 m² großen Weinkellers von Manincor liegt der rote Barrique-Keller. 200 Fässer „lauschen“ hier auf nicht zubetonierten Erdfurchen gregorianischen Chorälen. „Die Schwingungen wirken sich positiv auf die Qualität des Weins aus“, erklärt Gräfin Sophie.

Südtirol: Ein Wiegenlied für den Wein, Foto lagederEine Maßnahme, auf die auch das Weingut Tòr Löwengang setzt. Das „Wiegenlied für Barrique und Streicher“ ertönt jedoch nur, wenn der Wind über Magrein weht. Ein harmonisches Brummen erfüllt dann den Raum und dringt durch Mark und Bein.

Wie leicht fällt einem da der Schluss, dass auch der Wein durch die „Musik“ in Schwingung versetzt wird. Doch wie hängt nun der Wind mit der Musik zusammen?

Ein Windrad betreibt einen CD-Spieler, der das Sechste Brandenburgische Konzert von Johann Sebastian Bach abspielt, allerdings stark verlangsamt: eine Minute wird auf eine Stunde ausgedehnt. Dazu tanzen stark vergrößerte Saccaromyces-Hefen – durch einen Dia-Projektor an die Wand geworfen.

Südtirol: Ein Wiegenlied für den Wein, Foto LagederDie Klang-Licht-Installation hat der Künstler Mario Airò für den kunstaffinen Inhaber Alois Lageder entworfen.

Ein weiteres Kunstwerk, das sich durch den gesamten Ansitz zieht, sind die 53 Sternenkarten von Matt Mullican. Sie greifen die Philosophie Lageders auf, alle Arbeiten – vom Rebschnitt bis zur Abfüllung – dann verrichten zu lassen, wenn der Mond günstig steht.

Umgestellt auf diese biodynamische Arbeitsweise hat Alois Lageder den gesamten Weinbaubetrieb im Jahr 2004. „Damit will ich langfristig das biologische Gleichgewicht und die Vitalität der Reben stärken und die Traubenqualität weiter verbessern“, erklärt Alois Lageder.

Schädlinge und Krankheiten bekämpft er vorwiegend natürlich. Zum Düngen bringt er eine Mischung aus Kompost, Stallmist und Rizinusschrot aus.

Südtirol: Ein Wiegenlied für den Wein, Foto ManicorGräfin Sophie setzt auf Kuhmist und Bergkristall. Grundsätzlich zählt bei Manincor aber „Weniger ist mehr“. „Ich vergleiche das oft mit den Masern oder Windpocken, die meine Kinder hatten. Ich habe sie nicht dagegen impfen lassen, sondern der Krankheit ihren Lauf gelassen. Und der natürlichen Abwehr hat das nicht geschadet.“

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Text: Claudia Kirchner
Fotos: Lagere, Manicor

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