„Der Mensch ist, was er isst.“ Diese Erkenntnis brachte schon viele Philosophen und Denker zum Grübeln. Nietzsche schwebte die Küche des Piemont als Speiseplan des Übermenschen vor, Schopenhauer meldete diesbezüglich Bedenken an und der Franzose Michel Onfray versuchte nachzuweisen, dass Philosophen so denken, wie sie essen. Hier einige neue Ansätze…

Der Häppchen-Esser

Angeblich stets appetitlos, doch immer etwas naschend. Wie unter Zwang stopft dieser Typ unentwegt kleine Leckereien in sich hinein. Pralinen, Bonbons, Datteln, Nüsse, auch kleine Mettwürstchen und dergleichen. Seine Nahrung besteht nur aus Zwischenmahlzeiten, und er glaubt an seinen sensiblen Magen, der eigentlich nichts verträgt.

Bei Tisch isst er wenig – und so wundern sich alle, die seine heimlichen Futterorgien nicht kennen, woher er das Übergewicht hat. Übergewicht? Aber bitte, ich esse doch kaum was. Und: Waagen gehen falsch, Spiegel sind blind.

Phänomenologie der Esser-Typen: Wer is(s)t wie? bild Egbert GrevenDer Körner-Apostel

Er ist meist intolerant. Wer Fleisch isst, wird als Aas-Fresser verteufelt. Unermüdlich singt er in monotonem Tonfall das Hohelied auf Kräuter, Quark, Soja und Körner. Ist er eingeladen, zieht er Hefeflocken oder ähnliches aus der Tasche und funktioniert die köstliche Sauce zu einem Brei um.

Fleisch lehnt er ab, nicht ohne beleidigende Bemerkungen. Anstelle eines Desserts bittet er um eine Möhre. Mit ihm kann man erst diskutieren, sobald er eine Wurstfabrik geerbt hat.

Der Vielfraß

Bei Tisch setzt sein Verstand aus. Kein Teller ist ihm groß genug. Lädt er Salate auf, ruht sein hungriger Blick bereits auf dem Lachs.

Phänomenologie der Esser-Typen: Wer is(s)t wie? bild Egbert Greven

Droht sein Teller leer zu werden, bricht ihm der Angstschweiß aus, und ständig lebt er in quälendem Gefühl, verhungern zu müssen. Im Allgemeinen ist er von durchaus verträglicher Natur. Er denkt eben mit dem Bauch.

Phänomenologie der Esser-Typen: Wer is(s)t wie? bild Egbert GrevenDer ignorante Esser

Eher hager an Gestalt, redet er bei Tisch unentwegt über alles, nur nicht über Kochkunst.

Er stochert lustlos in den Speisen herum und lässt prinzipiell die Hälfte über.

Phänomenologie der Esser-Typen: Wer is(s)t wie? bild Egbert GrevenDer modische Esser

Er sitzt im Gourmet-Tempel oder im Bistro, das gerade fashionable ist, quält sich mit der Empfehlung eines Kochs herum – einer brandneuen Kreation, „müssen Sie probieren, hat gestern der Bundespräsident gegessen“ – obwohl er sich lieber im Bürgerkeller nebenan über ein Wiener Schnitzel freuen würde.

Aber er gehört zu jenen Menschen, die kaum eine eigene Meinung haben und noch weniger Rückgrat, so dass sie, modisch orientiert, auch beim Essen nur das tun, wovon sie meinen, dass andere es von ihnen erwarten.

Der In-Esser

Eine Abart des modischen Essers. Mit Genuss hat das, was dieser Typ macht, nichts zu tun.

Phänomenologie der Esser-Typen: Wer is(s)t wie? bild Egbert GrevenEr ist süchtig nach Anerkennung, gierig danach, für jemanden gehalten zu werden, der turmhoch aus der Masse ragt. Weil er selber nicht zu denen gehört, die bestimmen, was „in“ ist, orientiert er sich ängstlich in allen Szene- Magazinen, um ja keinen Trend zu versäumen.

Wenn andere noch französisch essen, ist er längst beim Japaner. Ist der Japaner „in“, isst er schon deftig-bayerisch, geht die Körnerwelle durchs Land, hechelt er schon der neuen Früchte-Küche hinterher. Ein Getriebener.

Phänomenologie der Esser-Typen: Wer is(s)t wie? bild Egbert GrevenDer Nörgler

Missmutig betrachtet er die Speisekarte, ehe er schmal-lippig bestellt.

Das Bier ist ihm zu warm, die Suppe zu kalt, die Vorspeise zu groß, das Hauptgericht zu klein.

Jedes Salatblatt wird gewendet, um zu sehen, ob sich darunter nicht ein Insekt verbirgt.

Phänomenologie der Esser-Typen: Wer is(s)t wie? bild Egbert Greven

Der Nachwürzer

Sein erster Griff bei Tisch gilt dem Salzstreuer. Noch ehe er die Speise probiert hat, salzt, pfeffert und würzt er nach – sogar der feinste Hummer wird mit Ketchup traktiert und so ein zweites Mal getötet. Er ist die personifizierte Beleidigung eines jeden Kochs.

Der heitere Esser

Schon der Anblick eines dampfenden Bratens stimmt ihn fröhlich. Er ist ein exzellenter Gastgeber, aber auch ein angenehmer Gast, da er mit Komplimenten nicht spart und niemals auf die Idee käme, beim getrüffelten Täubchen über Schlankheitskuren zu sprechen.

Phänomenologie der Esser-Typen: Wer is(s)t wie? bild Egbert GrevenSeine Neigung, die Welt auch ein wenig durch die Bratröhre zu betrachten, hat ihm einen gewissen Leibesumfang verschafft,aber das stört ihn nicht.

Vordergründige Eitelkeit ist ihm fremd, also sagt er heiter: „Aber innen bin ich ganz schlank!“

Und Tipps für Foodies finden Sie hier.

Text: Franz von Bruck
Zeichnungen: ©Egbert Greven

 

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