Im dichten Treiben der Boote und Barken im vietnamesischen Mekong-Delta findet sich ein gemeinsamer Nenner: Alle Schiffe haben zwei große Augen am Bug.
Das Prinzip ist einfach und effektiv: Von den Plantagen wird die Ernte auf Boote verladen, zum Schwimmenden Markt von Can Tho gebracht, auf dem Wasser verkauft und gleich weiter verschifft. Das ist praktisch und pittoresk zugleich.
Von Fünf bis Zehn wird das meiste Geschäft gemacht, gegen 17 Uhr löst sich der ganze Trubel auf. Can Tho ist der größte Schwimmende Markt im Mekong-Delta und die Region darum gilt als der Garten Vietnams im 40.000 Quadratkilometer großen Delta.
Ein Angriff auf alle Sinne:
Es ist laut, die Gerüche wechseln sich von wohltuend bis stinkig ab und das Auge muss mehr verarbeiten als sonst in diesem überaus geschäftigen Treiben. Aber dem Auge bleibt trotz Überbeanspruchung nicht verborgen: Alle Schiffe haben Augen am Bug.
„Ein Schiff ohne Augen ist wie ein Mensch, der blind ist“, sagt Kapitän Khanh Hai Tran, 45 Jahre alt und seit 30 Jahren auf dem Mekong unterwegs. Er scheint die Ruhe selbst zu sein, trotz dem Gewusel auf dem Fluss.
Und er scheint einen wichtigen Helfer zu haben: „Es geht ja nicht nur darum, andere Schiffe zu sehen, das mache ich schon. Es geht auch um Untiefen und Fische, die bis zu 40 kg wiegen!“
Deshalb haben die zahllosen Schiffe, ob groß oder klein, jeweils zwei große Augen auf den Bug gepinselt bekommen. Trans Bananendampfer hat sogar den passenden Namen: „Mekong Eyes“ …
Er tuckert durch ein Meer aus treibenden Inseln aus Wasserlilien und gleitet geschickt an allen anderen Dampfern vorbei, manchmal nur um Armesbreite.
„Der Mekong ist meine Heimat. Ich bin in einem Dorf mitten im Delta geboren. Mein elfjähriger Sohn fängt in ein paar Jahren als Bootsjunge an, wie ich damals auch.“
Augen am Bug gab es schon immer
Bereits in der Antike befuhren Menschen das Meer, meistens um Handel zu treiben wie Tran auf dem Mekong. Damit die Schiffe den richtigen Weg fanden und vor Meeresungeheuern geschützt waren, wurde der Bug schon damals mit Augen bemalt. Schiff und Besatzung waren so zudem vor dem bösen Blick geschützt …
Luzzus, die traditionellen Fischerboote auf Malta, haben bis heute ebenfalls Augen am Bug, wenngleich nur kleine. Auch Ostafrikanische Dhows tragen zuweilen ein Auge am Bug.
Und die erste „Aida“ revolutionierte 1996 die Außenbordbemalung für Kreuzfahrtschiffe mit Augen am Bug, sogar mit schicker Wimpernlinie, und dem dominanten Kussmund, inzwischen das Markenzeichen aller „Aida“-Schiffe.
Auch Kapitän Tran schippert seine Bananen zum Schwimmenden Markt von Can Tho, dem Hauptstädtchen im Mekong-Delta. Der Fluss ist schmuddlig braun, die Ufer üppig grün.
Es ist eine Fahrt durch den vietnamesischen Alltag, vorbei an Dörfern, Ziegelfabriken, Reisfeldern und einem Lastkahn nach dem anderen.
Nach dem Verkauf der Bananen in Can Tho ist Geld in der Kasse. Bis auf wenige Ausnahmen wird alles bar abgewickelt. Dann tankt Tran noch an der schwimmenden Tankstelle und lässt sich von einer Sampang-Verkäuferin eine Suppe auf seinen Kahn bringen. Sein Feierabend hat begonnen.
Er wird später auf seinem Schiff noch ein Bierchen trinken und dann gut schlafen.
Denn auch nachts bleiben seine Schiffsaugen ja wachsam. Sie haben keinen Feierabend.
Ein Asienurlaub ist immer etwas besonderes. Lassen Sie sich von unseren Reisereportagen anstecken und/oder inspirieren…
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Text: ©Jochen Müssig
Fotos von oben: ©Jochen Müssig (1, 3, 4, 8, 9), ©Edmund Heinrichsdobler (2, 5, 6, 7)
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