Kaltbaden liegt im Trend. Es ist ein Erlebnis, das glücklich macht und gut ist für die Gesundheit. Aber stimmt das überhaupt? Hier ein Erfahrungsbericht. Wir haben am Millstätter See in Kärnten Kaltbaden getestet.

Kaltbaden: Unser Test am Millstätter See!Plötzlich macht es platsch! Mitten im Winter springt einer ins eiskalte Nass! Platsch! Nochmal! Und nochmal … In Scheveningen in den Niederlanden steht der Rekord beim Neujahrsbaden bei 10.000 aktiven Teilnehmern, aufgestellt 2022, um den Neuanfang des Jahres zu feiern. Allerdings: Egal wo, die meisten bleiben draußen. Doch so mancher Zuschauer denkt: Ist schon toll! So mutig! So reizvoll – trotz der Kälte. Vielleicht probiere ich das auch einmal … nächstes Jahr?

Kaltbaden ist ein Trend, ganz abgesehen von Silvesterkater und Neujahrsbrauch. Eine der Ersten, die das erkannt haben, war das österreichische Bundesland Kärnten: Im Land der 1.000hat man an den meist besuchten Seen Kaltbadeplätze mit Umkleidekabinen ausgewiesen. Zahlreiche, direkt an einem See liegende Hotels haben die Idee aufgegriffen und bieten nicht nur Kaltbadeplätze, sondern sogar Kaltbade-Workshops mit ausgebildeten Guides an.

Kaltbade-Workshops

Klaus Ehrenbrandtner, Geschäftsführer der „Kärnten Werbung“ sagt: „Wir haben wir mit dem Kaltbadeexperten Bernhard Friedrich und der österreichischen Wasserrettung Kaltbaderegeln entwickelt, welche den Gästen das individuelle Kaltbaden an ausgewiesenen Plätzen mit Info-Tafeln ermöglichen.“

In der „Villa Postillion am See“ in Millstatt treffen wir Bernhard Friedrich. Auf der Suche nach Frische, Gesundheit, Glück und Neuanfang sind 8 Teilnehmer des Kaltbade-Workshops an den Millstätter See in Kärnten gekommen.

Kaltbaden: Unser Test am Millstätter See!

Bernhard Friedrich ist nicht nur zertifizierter Instruktor fürs Kaltbaden, sondern auch Saunameister. „Nach dem Saunagang geht man auch ins Kaltwasserbecken, was die Temperatur zurück zu normal bringt. Beim Kaltbaden beginnt man dagegen in Normaltemperatur und verursacht kurzfristig eine Untertemperatur“, erklärt Friedrich zu Beginn.

Kaltbaden: Unser Test am Millstätter See!Er selbst geht von November bis März so gut wie jeden Tag in die Kaltbadewanne auf seiner Terrasse oder zum Kaltbaden in einen See, wenn sich die Möglichkeit ergibt.

Die Wanne friert auch schon mal zu, „dann wird eben das Eis aufgeklopft“, so Friedrich. Alles unter 10°C  sieht er als Kaltbaden an.

„Für Generationen vor uns gab es im Prinzip nur kaltes Wasser. Heute kann ich durch Kälte trainieren, Stress zu haben und dabei zu entspannen. Die negative Bedeutung von Kälte verschwindet und bringt Gelassenheit.“

Der Coach trägt auch im Winter T-Shirt und „ein Jackerl, wenn ich länger als 20 Minuten im Freien bin“, gibt aber zu: „Vorm offenen Kaminfeuer sitze ich im Winter trotzdem gerne …“

„Kälte und Extremes faszinieren mich“, sagt der 50-Jährige. „Eisklettern war mein Ein und Alles. Und als ich ein Video sah, in dem sie in Finnland Löcher in einen zugefrorenen See geschlagen und darin gebadet haben, wusste ich, das muss ich auch machen!“

Die Neugier trieb ihn: „Ich lernte so ein Experimentierfeld am Rande der Komfortzone unserer beheizten Winterwelt kennen“, sagt Friedrich.

Was genau bewirkt Kälte?

So lautet die erste Frage aus der Teilnehmerrunde. „Kaltbaden ist nicht nur ein Erlebnis, sondern ein Tool für die Gesundheit. Beim Kaltbaden werden Glückshormone freigesetzt: Ich habe noch nie jemanden traurig aus dem kalten Wasser kommen sehen“, antwortet Friedrich und er mache immerhin jedes Jahr 20 bis 30 Kaltbadeseminare.

Durch das Kaltbaden würde der Blutdruck gesenkt, das Immunsystem gestärkt und es würden mehr Antikörper gebildet. Zudem würde eine bessere Durchblutung gefördert, wodurch eine bessere Regeneration möglich sei.

Entzündungshemmende Stresshormone können Entzündungsmarker aktivieren und sogar der Blutzuckerspiegel kann positiv beeinflusst werden. Alles Thesen, die nicht durch Studien belegt sind.

Kaltbaden: Unser Test am Millstätter See!Deshalb fragen wir nach bei Professorin Petra-Maria Schumm-Draeger, Direktorin im Zentrum für Innere Medizin in München. „Die Temperatur ist für den Körper eine Stresssituation und in diesem akuten Moment wird man beflügelt und bekommt eine gehörige Portion Schwung“, sagt die Professorin. „Doch erstmal kommt es zu einer massiven Verengung der Gefäße, was für herzkranke Menschen oder Patienten mit hohem Blutdruck sehr gefährlich werden kann“.

Der Kardiologe Dr. Florian Aurich, ebenfalls vom Zentrum Innere Medizin in München, erklärt: „Beim Eintauchen ins kalte Wasser steigt der Blutdruck zunächst enorm an und auch langfristig wird der Blutdruck nicht gesenkt. Bei nicht perfekt eingestelltem Blutdruck sollte man vom Kaltbaden absehen.“

Ähnliches gilt für die möglichen anderen Effekte: „Zunächst wird jeweils eine Akutsituation erzeugt, die aber langfristig keine Auswirkungen hat, was zum Teil sogar Studien belegen“, sagt Aurich, ehemaliger Teamarzt der deutschen Eishockey-Frauen-Nationalmannschaft.

„Außerdem würde ich die Kaltbadezeit für Anfänger auf eine Minute limitieren“, meint die Endokrinologin Schumm-Draeger und betont, dass Kaltbaden den Blutzuckerspiegel nicht nachhaltig beeinflussen kann.

Kaltbaden: Unser Test am Millstätter See!

Am besten ist es im Herbst anzufangen, „dann muss man nicht mit dem Schwimmen in der Natur aufhören und man gewöhnt sich an kältere Wassertemperaturen“, sagt Friedrich.

In weit mehr als 100 Workshops hat er die Erfahrung gemacht, dass pro Workshop maximal einer pro Gruppe nicht ins kalte Wasser geht.

Kaltbaden als Teambuilding-Maßnahme lehnt er ab: „Beim Kaltbaden darf kein Druck aufgebaut werden. Es muss freiwillig sein. Die Gefahr ist sehr groß, dass das Kaltbaden als Mutprobe angesehen, dass einer als Warmduscher und Außenseiter abgestempelt wird.“

Täglich in den See mit 72

Nicht jeder hat einen trinkwasserreinen See wie den Millstätter oder einen sauberen Fluss vor der Haustüre. „Macht nichts!“, sagt Friedrich. Eine Kaltbadewanne oder jeden Tag kalt duschen, möglichst unter 15°C, seien Alternativen. Dies könne auch nach dem Einseifen mit warmen Wasser geschehen. 60 bis 90 Sekunden seien ausreichend.

Kaltbaden: Unser Test am Millstätter See!„Ich habe zwar unseren schönen Millstätter See direkt vor mir, aber Atem- und Aufwärmübungen sind mir zu zeitaufwändig“, sagt Peter Sichrowsky, der Hotelier des „Postillion am See“.

„Ich bin überzeugt vom kalten Wasser. Es tut dem Körper gut und ist jeden Morgen der absolute Weckruf. Deshalb jeden Morgen kalt duschen und ich bin fit und fühle mich wohl“. Seine Mutter Eva, 72 Jahre alt, geht nahezu jeden Tag in den See und Gäste, die es wünschen, können sie jeden Tag begleiten. Treffpunkt acht Uhr am Hotelsteg.

Bernhard Friedrich hat es in seinen Kaltbade-Seminaren stets mit Neulingen zu tun: „Da lege ich die Zeit, in der der Körper im Wasser ist, auf maximal zwei Minuten fest.“

Kaltbaden: Unser Test am Millstätter See!Schumm-Draeger würde die Hälfte der Zeit empfehlen. „Später kann man sich steigern“, sagt Friedrich sogar. Mit der Faustregel ein Grad entspricht einer Minute Verweildauer, also etwa acht Minuten bei acht Grad für Fortgeschrittene, käme es nicht zur Unterkühlung.

Was treibt Menschen ins kalte Wasser?

Bei vielen ist es, wie bei Friedrich, die Neugier. Vor dem Gang ins 8°C kalte Wasser von Österreichs fischreichstem See stehen Atmungsübungen, 15 Minuten lang für die mentale Vorbereitung, und Aufwärmübungen, so dass besonders der Rumpf und das Herz vorgewärmt werden.

Am Badesteg gilt es dann: „Bist du bereit? – Die Antwort muss überzeugend sein, sonst nehme ich den Teilnehmer nicht mit.“

Kaltbaden: Unser Test am Millstätter See!Jeder geht behutsam Schritt für Schritt bis zum Bauchnabel in den spiegelglatten See. Dann holt man tief Luft und taucht in einem Zug mit dem Körper bei gleichzeitigem Ausatmen ins Wasser, in dem man in die Hocke geht.

Der kälteempfindliche Kopf bleibt aus dem Wasser. Man hört nicht einmal ein Aaah oder Oooh. Das Wasser fühlt sich in diesem Moment weder nass noch kalt an.

Es ist ein komplett neues Gefühl, undifferenziert. Der Atem bleibt ruhig, das Herz pumpt, und der Kopf ist komplett leer. Keine Gedanken ans Jetzt, schon gar nicht daran, was die Welt so bewegt.

In diesen zwei Minuten spürt man eigentlich gar nichts. Kaltbaden ist eine Art Schwebezustand. Fast logisch, dass nicht gesprochen wird. Der Körper reagiert nicht mit Schmerz, sondern mit Stille.

Nach 2 Minuten im 8°C kalten Seewasser wirkt die vier Grad tiefere Außentemperatur wie ein laues Lüftchen. Bis zu diesem Zeitpunkt hat niemand ein Wort gesprochen. Jeder war ganz bei sich, hochkonzentriert.

Kaltbaden: Unser Test am Millstätter See!Schließlich bricht ein Teilnehmer das Schweigen: „Ich denke, bei mir machen Tausende von Ameisen ein Wettrennen im Körper“, sagt ein Mann. „Und in jedem Fall mache ich beim nächsten Neujahrsbaden mit“, freut sich eine Teilnehmerin. Ohne platsch-platsch, aber mit Nikolausmütze!

 

Text: Jochen Müssig
Fotos (von oben): ©Kärnten Werbung, ©Manfred Stromberg (2 Bilder), ©Jochen Müssig, ©Kärnten Werbung (2 Bilder), ©Jochen Müssig (4 Bilder)

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