Brennende Kerzen, duftendes Weihnachtsgebäck, frischer Harzgeruch und der Weihnachtsmann – all das verbinden auch die Norweger mit Weihnachten. Das traditionellste Weihnachtsfest – God Jul – in Norwegen findet auf dem Lande statt, denn hier wird altes Brauchtum noch groß geschrieben. Ein Ort, der sich ideal zum Mitfeiern eignet, ist das 350 Jahre alte Røros.
Als ich zum ersten Mal diese Landschaft sah, hatte ich das Gefühl, hier hat Gott selbst Hand angelegt.” Dieser Ausspruch des deutschen Schauspielers Horst Tappert gibt sehr treffend die Meinung vieler Reisenden wieder, die erstmalig Norwegen und seine Menschen kennengelernt haben. So ist es kein Wunder, dass dieser Eindruck gerade in der Winterzeit noch verstärkt wird.
Das Rad der Zeit
In der Weihnachtszeit überwindet die Sonne ihren tiefsten Stand, die Tage werden wieder länger. Schon in vorchristlicher Zeit wurde die Wintersonnenwende mit Festen und Gastmahlen gefeiert. So ist ein Besuch im weihnachtlichen Norwegen auch mehr als nur ein kulinarischer Genuss.
Ursprünglich wurde um den 24. Dezember herum zu heidnischer Zeit das winterliche Sonnenwendfest gefeiert.
Das Symbol für die Sonne war und ist dabei ein Rad (norw.: hjul), welches noch heute auf vielen Felszeichnungen zu finden ist.
Später verlagerte man das Christfest in diesen Zeitraum, um die alten heidnischen Feste zu verdrängen. Das Wort blieb den Norwegern jedoch erhalten. Deshalb heißt Weihnachten heute „Jul”.
Røros ist Norwegens einzige Bergarbeiterstadt im Osten des Landes und fesselt durch ihr außergewöhnliches Unesco-Weltkulturerbe. Die Kirche mit 1.600 Plätzen ist eine der größten des Landes. Die Kupferwerke wurden im Jahr 1644 von einem Sachsen gegründet, woran noch heute Straßen- und Familiennamen erinnern. Dabei liegen unberührte Natur und reiches Kulturerbe um die Stadt dicht beieinander.
Beim Bummel durch die historischen Gassen scheint es fast, als höre man Häuser und Gebäude von den Menschen erzählen, die hier gelebt, geliebt und gearbeitet haben. Hier kann man lokale Gerichte und Spezialitäten probieren, schöne Kunst und Kunsthandwerk kennenlernen – oder ganz einfach die Stille der tief verschneiten Winterlandschaft und die „Stille Zeit” genießen.
Kulinarische Genüsse
Die norwegische Weihnacht unterscheidet sich nicht sehr von der deutschen. Aber in Norwegen gibt es nicht nur den Weihnachtsmann „julnisse”, sondern auch die Weihnachts-Heinzelmännchen „julnisser“, die seit Generationen den typischen Charakter der norwegischen Folklore verkörpern.
Deshalb stellen in der Weihnachtsnacht die Kinder für den „Julmann”, der mit seinen Geschenken aus Lappland anreist, eine Schüssel mit Grütze ans Fenster. Sie bildet eine Art Bestechung für die Weihnachtswichte Julnissen, die dem Julmann helfen.
Die norwegische Küche ist zumeist deftig. Sie hat ihre Wurzeln in einer Zeit, in der eswichtig war, Lebensmittel lang lagern zu können. Das Endprodukt war und ist dann zuweilen zwar nicht preisverdächtig, aber außergewöhnlich. Schon mehrere Wochen vorher finden in den großen Bauernküchen die fieberhaften Vorbereitungen auf das anstehende Weihnachtsfest statt.
Es werden Backwaren wie „Julekaker”, ein süßes Weihnachtsbrot mit Rosinen, Zitronat und Kardamom, hergestellt oder das so genannte „Juleøl” (Weihnachtsbier) gebraut.
Jede Region hat ihre traditionellen Weihnachtsgerichte. In Ostnorwegen sind Rippchen, Blut-, Fleisch- und Leberklöße sowie Würste beliebt.
In Westnorwegen spielt die Schafzucht eine große Rolle. Hier hat man eine Vorliebe für gepökeltes Hammelfleisch, Pinnekjött genannt, sowie gepökelte Wurst. Zum Nachtisch gibt es Multebeeren mit Schlagrahm, Karamellpudding oder Reiscreme mit Obst.
Ein einziger Festschmaus ist die Adventszeit bei den Norwegern. Bei dem „Julbord”, dem Weihnachtsbuffet, werden Verwandten und Freunden bis zu 60 verschiedene Leckereien aufgetischt. Schon im November laden Restaurants und Firmen zum Julbord ein, wo Lutefisk, eine Art Stockfisch, der in Salzlauge aufgeweicht wird, historisch bedingt dazu gehört. Nach einer alten Legende sollte einem armen, kranken Mann der Stockfisch gereicht werden. Aus Versehen fiel dieser statt in Wasser in Salzlauge. Da die Leute zu arm waren, wurde der Fisch dem kranken Mann trotzdem serviert, der daraufhin gesundete. Seit jener Zeit wird der Lutefisk als ein typisches Weihnachtsgericht gehandelt.
Nicht zu vergessen ist auch der Linie Aquavit, der berühmte norwegische Kartoffelschnaps. Traditionell rührt dies aus den alten Zeiten her, wo Fisch nach Australien exportiert wurde und als Ballast zur Stabilisierung des Schiffes Schnapsfässer eingelagert wurden. Seitdem erhält das Getränk zu nächst seine Äquatorreife. So wird auf dem Etikett das Schiff, mit dem die Flasche transportiert wurde, vermerkt.
Wo bekomme ich was?
Ein Abendessen im Vertshuset Røros – es gehört zu den „Historischen Hotels und Restaurants” – ist ein Erlebnis für sich und sollte nicht verpasst werden. Da gibt es den Sikkrem, zu Deutsch Geräucherte Forellencreme und Gravet – Forellen, mariniert mit Dill, Pfeffer, Salz, Cognac und Zucker, serviert auf grobkörnigem Brot mit eingelegten roten Zwiebeln.
Rørosviddas Perle (dt.: Die Perle der Røros-Hochebene), das Lendenstück vom Rentier, bekommt man mit gebratenem Wurzelgemüse, Morchelsauce und salzgebackenen Mandelkartoffeln.
Und als Nachspeise wird Bergmannspannacotta, ein Sahnepudding, zubereitet mit Schokolade und Bergmannskaffee, mit Beerencoulis gereicht.
Dabei bleibt zu vermerken, dass das Vertshuset Røros das einzige Restaurant vor Ort ist, das exklusiv Rentier-Lendenfleisch der Stensaasen Rentierschlachterei serviert.
Das Besondere am Weihnachtsessen ist, dass die Gerichte in dieser Kombination und Fülle nur einmal im Jahr angeboten werden. Ausladend, üppig und festlich geschmückt – so lässt sich das Weihnachtsbuffet zutreffend beschreiben. Optisch ansprechend aufgebaut sind Schweinsrippchen, Fleischklöße und Würste, gepökeltes Lamm, Sülze, Bärenfleisch, Laugenfisch, Hering, Forelle und Lachs in allen erdenklichen Variationen, Käse und Obst, Multebeeren mit Sahne, süße Fladen und Kuchen. Dazu wird traditionell Bier und Aquavit gereicht.
Samische Ertüchtigung
Besucht man die Rentiersamen, nur wenige Gehminuten vom Zentrum von Røros enfernt, kann man Rentierschlittenfahren, die Tiere füttern und sich im Lassowerfen üben. Die Rentierhaltung wird zur Wahrung samischer Kultur als wesentlicher Bestandteil erachtet, auch wenn das Rentierfleisch nur 1 % an der gesamten Fleischproduktion von Norwegen ausmacht.
Zum Abschluss erwarten jeden Interessierten im Lavvo, einer Art Holzjurte, heiße Getränke und traditionelle samische Gerichte.
Auch die Besichtigung der „Olavs gruva” können die Tage in der Stadt zu einem wahren Erlebnis werden lassen. Das Smelthytta-Museum im Herzen von Røros und die Olav-Mine außerhalb des Stadtzentrums vermitteln einen Einblick in die Geschichte des Kupferbergbaus von Røros. 1977 gab aber die Olavsgrube als letztes der verschiedenen Minensysteme denBetrieb nach über 330 Jahren auf.
Riesige Säle entstanden, in denen heute bisweilen Konzerte veranstaltet werden. Sowohl die Olavs mine als auch das Schmelzhütten-Museum haben im Winter geöffnet.
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Text: Dr. Michael Polster
Fotos: Visit Oslo/Nancy Bundt, Innovation Norway/ Terje Rakke, Polster, Gütergemeinschaft Kerzen, Innovation Norway/Terje Rakke

































