Stellen Sie sich in Istanbul auf die zentrale Istiklal Caddesi und spüren Sie den Puls der 16 Mio. Einwohner, die alle zur gleichen Zeit am gleichen Ort zu sein scheinen. Istanbul ist mehr als Kreuzung zwischen Orient und Okzident – sie ist eine frische und leidenschaftliche Stadt.

Frisch und leidenschaftlich: Istanbul, Foto KonzackFrisch und leidenschaftlich: Istanbul, foto KonzackManchmal liegt in einem Satz die Zukunft, weiß Yesim und dreht die umgestülpte Tasse, die eben noch einen türkischen Kaffee beheimatete, wieder herum. Träge verteilen sich auf dem Tellerboden die letzten Kaffeesatzbrocken, während sich an der Innenseite der Tasse „Wandmalereien“ abzeichnen, die die Istanbulerin ein Funkeln in die Augen zaubern lassen.

„Du wirst einen unerwarteten Geldsegen erfahren und demnächst nach Paris reisen“, liest sie aus den Kaffeeresten. Alles ereigne sich in sehr naher Zukunft, denn in Istanbul hält man sich nicht mit langgehegten Prophezeiungen auf.

Wir sitzen mit unseren weissagenden Kaffeetassen in einem der vielen Straßencafés in den Seitenstraßen der berühmten Fußgängerzone Istiklal Caddesi und lassen die Metropole mit ihren Brot tragenden Händlern, Laptop tragenden Studenten und High Heels tragenden Modeschönheiten wie ein Film an uns vorbeiziehen.

Frisch und leidenschaftlich: Istanbul, Foto KonzackVon weitem bimmelt sich die alte Straßenbahn ihren Weg durch die Menschenmassen und röhrt sich den Berg hinauf Richtung Taksim-Platz, um den herum Autoschlangen, Blumenverkäufer und Imbissstuben wie auf einem Festplatz kreisen.

Frisch und leidenschaftlich: Istanbul, foto KonzackHier trifft man sich, um gemeinsam zum Feiern oder Einkaufen zu gehen, und viele kommen aus den verschiedensten Winkeln der Welt extra in die Stadt, um in einem der edel-süffisanten Nachtclubs die Nacht zum Tage werden zu lassen.

Frisch und leidenschaftlich: Istanbul, Foto Botschaft der Republik Türkei KulturabteilungDarüber hinaus zählt das junge, alte Istanbul allein 2 Mio. Schüler und Studenten von 16 unabhängigen Universitäten.

Rund 40 % der Stadtfläche befindet sich im modernen asiatischen Teil, in dem viele wohnen, und 60 % im europäischen Teil mit zahlreichen Bürozentralen, in dem viele arbeiten.

Zwei Autostunden braucht der Istanbuler gern mal, um über die zwei Brücken über den Bosporus mit der Blechlawine in den jeweils anderen Teil zu rollen, aber er nimmt es gelassen und hupt dafür zwei-, dreimal mehr.

Frisch und leidenschaftlich: Istanbul, Foto KonzackUnbekannte Blaue Moschee

Auf der anderen Seite des Goldenen Horns hingegen scheint die Zeit in den engen, hügeligen Gassen von Sultanahmet stehengeblieben zu sein.

Ob Hippodrom und Konstantinssäule aus der römischen Gründerzeit oder Topkapi-Palast und Prinzenmoschee aus der osmanischen Zeit – ein Kulturdenkmal folgt hier auf das andere.

Manche Gebäude wie die Hagia Sophia spiegeln dabei die gesamte Geschichte der Stadt wider: 537 innerhalb von nur fünf Jahren Bauzeit als erste Papstkirche fertiggestellt, war die Hagia Sophia lange eine Kirche, die im 13. Jahrhundert orthodox wurde und 1453 durch der Eroberung der Osmanen in eine Moschee umgewandelt wurde.

Frisch und leidenschaftlich: Istanbul, Foto KonzackMit Mustafa Atatürk avancierte sie schließlich 1935 zu einem reinen Museum, welches in diesen Tagen 4,5 Mio. Besucher pro Jahr zählt.

Frisch und leidenschaftlich: Istanbul, TürkeiIhre einstige weltweit größte Kuppel fasziniert bis heute als „Blick in den Himmel“, der von jedem Punkt im Raum sichtbar ist. Auf einem der vielen Mosaike aus dem 10. Jahrhundert vermag Christus, der als thronender Kaiser dargestellt wird, den Betrachter von jedem Punkt aus mit seinem Blick zu verfolgen – die Augenmaltechnik sollte sich später in der guten, alten Mona Lisa wiederfinden.

Frisch und leidenschaftlich: Istanbul, Foto KonzackBlau erscheint im Innenraum der altehrwürdigen Sultan Ahmed Camii und wird nur außerhalb der Türkei „Blaue Moschee“ genannt.

Vermutlich hatten Reisende die zweitgrößte der insgesamt 2.600 Moscheen der Stadt so schwärmerisch blau beschrieben, dass sie diesen Beinamen erhielt – Marketingexperten hätten die Attraktivität der Moschee für Ausländer mit einem anderen Begriff kaum mehr steigern können.

Dafür führt die Tulpe bis heute ein Schattendasein, denn kaum einer weiß, dass es die persischen Gärtner aus dem Topkapi-Palast waren, die sie kultivierten und später den Holländern als Tulpenzwiebeln mit auf den Weg gaben.

Nach der Blume wurde im 18. Jahrhundert eine gesamte türkische Kunstepoche benannt und zahlreiche Tulpenformen in Baudenkmäler integriert. In jedem Frühjahr versinken die Straßen in einem farbenfrohen Tulpenmeer, vor dem Groß und Klein posiert.

Frisch und leidenschaftlich: IstanbulDie wohl augenscheinlichste Hommage an die Tulpe steht jedoch auf beinah jedem Tisch wie dem des Straßencafés nahe der Istiklal Caddesi und fasst seit Jahrhunderten den Türkischen Tee in einem Glas in Tulpenform.

Vielleicht muss Yesim künftig mit Touristen auch im Teesatz lesen und so der türkischen Tulpe zum Star verhelfen.

 

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Text: ©Sylvie Konzack
Fotos: ©Sylvie Konzack, ©Botschaft der Republik Türkei Kulturabteilung, ©Annemarie Heinrichsdobler

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