„Wien ist die Mutter Zagrebs, Budapest die Tante, Graz und Ljubljana die lieblichen Schwestern“ heißt es in einem Sprichwort. Tatsächlich hat Zagreb viel mehr zu bieten, als bloß die Miniaturausgabe einer Metropole zu sein. Im Spannungsfeld der Mächte Europas hat sich die kroatische Hauptstadt ihre charmanten Eigenheiten bewahrt. An der Seite eines kundigen Reiseführers lassen sie sich am besten entdecken.

Wer sich gegen Mittag in die Zagreber Innenstadt begibt, sollte sich Punkt Zwölf lieber die Ohren zuhalten. Dann donnert aus dem mittelalterlichen Turm Lotrščak in der Oberstadt die Kanone. Seit 100 Jahren schon gibt es diesen Brauch, der nur noch die Touristen zusammenzucken lässt, die sich mit verstörtem Blick auf die Suche nach der Quelle dieses ohrenbetäubenden Knalls machen.

Charmantes Zagreb. Ein Reisebericht, foto Tourist Board ZagrebEs ist nur eine von vielen Merkwürdigkeiten in dieser Stadt, die fast 1.000 Jahre Geschichte auf dem Buckel hat. Zum Glück hat sich Zagreb im Spannungsfeld der Mächte Europas solche charmanten Eigenheiten bewahrt.

Aber es gibt nicht nur Altes und Althergebrachtes zu entdecken. Die touristischen Offerten haben sich in den vergangenen Jahren um einige zeitgemäße Facetten erweitert.

Charmantes Zagreb. Ein Reisebericht, foto Tourist Board ZagrebDer Gast bestimmt das Tempo

Nicht nur, dass man die Stadt inzwischen auch per Bike, Segway, Scooter oder GPS-Guide erobern kann, auch in punkto Reiseführer hat sich einiges getan. Die junge Generation bietet Themen-Spaziergänge, welche die Stadt und ihre Umgebung aus besonderen Blickwinkeln zeigen.

Zu den Erneuerern der touristischen Szene gehören auch Jelena Popović und Martina Cernogoraz von der Organisation privateguidezagreb.com.

Charmantes Zagreb. Ein Reisebericht, foto Sitana OmerSie haben sich auf private, individuelle Stadtführungen spezialisiert, bei dem der Kunde das Programm und Tempo bestimmt. „Wir haben festgestellt, dass sich nicht jeder Gast für den üblichen Querschnitt an Sehenswürdigkeiten einer Stadt interessiert“, erläutert Martina.

„Vor allem jüngere Zagreb-Besucher fragen oft nach unserem Alltag, möchtem wissen, wie wir in dieser Stadt leben oder wo die besten Locations für eine Kneipentour sind. Das erfahren sie von uns.“ Dabei kommen amüsante Anekdoten und interessante Seitenblicke auf typisch kroatische Eigenheiten nicht zu kurz.

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Ban-Jelačić-Platz

Wir treffen uns auf dem Trg Bana Jelačića (Ban-Jelačić-Platz) ganz traditionell „pod repom“, das heißt unter dem Schweif des Reiterstandbilds des kroatischen Nationalhelden. Der zentrale Platz, an dem sich sieben Straßenbahnlinien kreuzen, trennt die Ober- von der Unterstadt.

Charmantes Zagreb. Ein Reisebericht, foto Tourist Board ZagrebNoch immer atmet die Zagreber Altstadt den Hauch der Habsburger Ära. Der Bau der Eisenbahnlinie 1862, die Zagreb mit der handelsstrategisch wichtigen Küstenstadt Rijeka und mit Wien verband, setzte eine rege Bautätigkeit in Gang, die wesentlich zum heutigen Erscheinungsbild beigetrug.

In dieser Zeit entstanden die gründerzeitlichen Straßenzüge mit prachtvollen Fassaden, die Akademie der Künste und Wissenschaften und das Kroatische Nationaltheater.

Charmantes Zagreb. Ein Reisebericht, foto Tourist Board ZagrebLange auch wurde die Geschichte Zagrebs durch die Fehde zwischen den Stadthügeln Kaptol und Gradec geprägt. Der ungarische König Ladislaus erhob im Jahre 1094 die Siedlung auf dem Kaptol (dem heutigen historischen Stadtkern Zagrebs) zum Bistum. Erst 1850 wurden die beiden Stadtteile miteinander vereint und mit der Unterstadt zusammengeschlossen.

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Zahnradbahn

Festivals für Flaneure

Um in die mittelalterliche Oberstadt mit ihren engen malerischen Gassen zu kommen, nehmen wir die „Uspinjača“, die 1888 nach Grazer Vorbild fertiggestellte Zahnradbahn. Dort lädt die baumgesäumte Strossmayer-Promenade zum Flanieren ein und man genießt einen wunderschönen Ausblick auf die Unterstadt und das Treiben in der City.

In den Sommermonaten findet dort das „Strossmartre“ statt, eines von vielen Festivals. Jelena erzählt, dass „Strossmartre“ auf eine Initiative der „Kraljevi ulice“ (kroatisch für: Könige der Straße) zurückgeht, einer Zagreber Straßenmusiker-Truppe, die sich sehr für die kulturelle Belebung öffentlicher Plätze einsetzt.

Auch die Konzerte in der Promenade Zrinjevac im Herzen der Stadt werden von ihnen organisiert. Die Initiative trifft vor allem beim jüngeren Publikum auf Sympathie.

Wir machen einen Schlenker zur barocken Katharinenkirche und das ehemalige Jesuitenkloster Klovićevi dvori, welches heute eine Galerie beherbergt, und anschließend zur Markuskirche, deren Markenzeichen das bunte Ziegeldach mit dem Stadt- und Landeswappen ist.

Charmantes Zagreb. Ein Reisebericht, foto Tourist Board ZagrebDie Oberstadt ist auch der Sitz des Regierungsbezirks mit dem „Sabor“, dem Parlamentsgebäude. Ganz in der Nähe gingen während des kroatischen Unabhängigkeitskrieges 1991 einige der wenigen Bombentreffer auf die Stadt nieder. Die Spuren sind längst beseitigt.

Wir beenden unseren Rundgang durch die idyllischen engen Gassen und erweisen noch Nikola Tesla, dem Entdecker des Wechselstroms, dem in der Cirilometodska ulica mit einer Gedenktafel gedacht wird, unsere Reverenz.

Durch das steinerne Tor (Kamenita Vrata) verlassen wir die Oberstadt. Von den ehemals vier Stadttoren aus dem 13. Jahrhundert ist dieses als einziges erhalten geblieben.

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Die Oberstadt

Wer tiefer in die Kulturgeschichte Zagrebs eintauchen möchte, der hat in der Oberstadt die Wahl zwischen sieben Museen, darunter das „Muzej grada Zagreba“, in dem die Stadtgeschichte von der prähistorischen Zeit bis in die Gegenwart nachgezeichnet wird oder das Kroatische Museum der Naiven Malerei (Hrvatski muzej naivne umjetnosti), welches im Raffay-Plavšić-Palais aus dem 18. Jahrhundert untergebracht ist. Auch das Meštrovic-Museum ist ein Highlight, das mit Werken des 1962 verstorbenen avantgardistischen Bildhauers und Architekten aufwartet.

Charmantes Zagreb. Ein Reisebericht, foto Tourist Board ZagrebFür Leib und Magen

An der Kathedrale kommt kein Zagreb-Besucher vorbei. Am besten kombiniert man eine Besichtigung des Wahrzeichens mit einem anschließenden Rundgang auf dem Wochenmarkt, dem „Dolac“.

Seit den 1930er Jahren ist er das Versorgungszentrum mit frischen Lebensmitteln schlechthin und spiegelt die Vielfalt der kroatischen Küche wieder. Würste, Käse und eingelegte saure Rüben konkurrieren mit mediterranen Schmankerln wie fangfrischem Fisch, luftgetrocknetem Schinken, Olivenöl, getrockneten Feigen.

Bei den „Kumica“, den Bäuerinnen aus der Region Zagorje, kauft man in der unterirdischen Milchmarkthalle lokale Spezialitäten.

Zum Beispiel Sir i vrhnje (Frischkäse mit Sahne), der traditionell mit geschnittenen Zwiebeln, Salz und etwas gemahlener Paprika gegessen wird und auch die Grundlage für die regionaltypischen „Štrukli“ ist. Dies ist eine Art Teigrolle mit cremigem Frischkäse, die man sowohl gekocht als auch überbacken essen kann.

Jelena macht mich auch auf die Bronzestatue einer Bäuerin am Eingang zum Markt aufmerksam, die von der besonderen Beziehung der Zagreber zu ihrer „Kumica“ zeugt.

Charmantes Zagreb. Ein Reisebericht, foto Tourist Board ZagrebEine neue Generation von Gastronomen sei längst dazu übergegangen, die kroatische Küche neu zu interpretieren und zeitgemäßer zu gestalten, erklärt Martina: „Restaurants wie das „Ivica i Marica“ in der Oberstadt bieten zum Beispiel ausschließlich Bio-Fleisch, und die „Štrukli“ dort sind aus Vollkornmehl.“

Das wachsende Interesse an naturbelassenen und ökologischen Lebensmitteln spielt ebenfalls eine große Rolle. So gibt es immer mehr Geschäfte, die sich auf die Produkte kleinerer Lebensmittelproduzenten spezialisiert haben.

Eine besondere Krawatte

Eine Krawatte zu verschenken gilt zwar als Gipfel der Einfallslosigkeit. Einzige Ausnahme: Es handelt sich um ein Exemplar aus einer kroatischen Stadt. Schließlich gilt Kroatien als Ursprungsland dieses Accessoires, da es auf die Halstücher von Söldnern aus dem 17. Jahrhundert zurückgeht.

Das weiß man nirgendwo besser als bei der Firma „Croata“, die sich auf die Produktion edler Krawattendesigns spezialisiert hat. Wer sie erwerben möchte, sollte die elegante Einkaufspassage „Oktogon“ in der Ilica aufsuchen, wo sich das Flaggschiff der Ladenkette befindet.

Charmantes Zagreb. Ein Reisebericht, KopsaÜbrigens heckt der Krawattenhersteller ständig neue Späße aus, um Kroatien als die „Heimat der Krawatte“ zu vermarkten. Der jüngste Coup ist der Wachwechsel der kroatischen Ehrengarde auf dem Markusplatz in der Oberstadt, den „Croata“ mit dem Zagreber Tourismusbüro initiiert hat.

Lauern auf Promis

Wir beenden unseren Stadtrundgang mit der vermutlich liebsten Freizeitbeschäftigung der Zagreber, dem Café-Besuch.

Charmantes Zagreb. Ein Reisebericht, foto Tourist Board Zagreb„Idemo na kavu“ (Lass‘ uns einen Kaffee trinken) ist ein Spruch, dem man dort allenthalben hört. Das Ritual wurzelt in der Wiener Kaffeehauskultur, die ihre Spuren noch in den großen Cafés am Jelačić-Platz hinterlassen hat, wie der „Gradska Kavana“ oder der „Kavana Dubrovnik“. Daneben locken viele kleine Kaffeebars, die an jeder Ecke zu finden sind.

Charmantes Zagreb. Ein Reisebericht, foto KopsaUntrennbar mit dem Kaffeeritual verbunden ist der samstägliche Besuch auf der „Špica“ (Blumenmarkt) in der Unterstadt, rund um den Cvjetni Trg, Bei schönem Wetter gibt sich die lokale Prominenz dort ein Stelldichein, flaniert an den Gästen in den Cafés vorbei und lässt sich gerne von den lauernden Paparazzi für die heimischen People-Magazine ablichten.

Wer sich zur „Špica“ begebe, werde automatisch Teil dieser merkwürdigen Inszenierung, sagt Jelena: „Es kann sein, dass man hier bei einem Cappuccino sitzt, und am nächsten Tag in einem unserer Boulevard-Gazetten auftaucht, nur weil ein Pop-Star oder Fernseh-Ansager am Nebentisch saß“. Der Weg zum Ruhm ist hier kürzer als anderswo. Noch eine charmante Eigenheit dieser liebenswerten Stadt.

Haben wir Ihr Interesse geweckt? Hier finden Sie einen Vorschlag für 48 Stunden in Zagreb.

 

Text: ©Nathalie Kopsa
Fotos von oben: ©Tourist Board Zagreb (3 Bilder) / ©Nathalie Kopsa (3 Bilder) / ©Tourist Board Zagreb (6 Bilder) / ©Nathalie Kopsa (2 Bilder) / ©Tourist Board Zagreb / ©Nathalie Kopsa

 

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