Am 19. März feiert Bali sein Neujahr, der höchste hinduistische Feiertag auf der Insel. Ein Tag der absoluten Stille. Sogar der internationale Flughafen wird geschlossen. Nyepi wird immer gefeiert am Tag nach Neumond zunächst des Tages der Tag-und-Nacht-Gleiche im ersten Tertial. Nyepi bezeichnet den ersten Tag eines neuen Jahres nach dem traditionellen Balinesischen Mondphasen-Kalender Saka.

Bali - Nyepi: Absolute Ruhe vor dem Spaß, Foto MüssigRuhe. Es herrscht absolute Ruhe – eine Art Totenstille. Kein Fahrzeug ist zu sehen, kein Fußgänger. Alle Restaurants und Geschäfte sind geschlossen, die Straßen leergefegt: Denpasar, Balis sonst so enge, laute, stickige und hektische Haupt- ist am Nyepi-Tag eine Geisterstadt.

So sieht’s am balinesischen Neujahr auf der ganzen Insel aus: ob in einem einsamen Dorf in den Bergen, am sonst so viel besuchten Kuta-Beach oder eben in der Inselhauptstadt.

Auch Wayan ist zuhause. Wayan heißt übersetzt der Älteste, aber er ist erst 13 und es fällt ihm schwer auf sein Fahrrad, die Freunde und Spaß zu verzichten.

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Auch Bayan ist zuhause…

Doch es hilft nichts: Am balinesischen Neujahr sind alle Aktivitäten zu unterbleiben. Niemand darf auf die Straße – auch Touristen nicht. So sagen es die Brahmanen. Und dagegen gibt’s nichts zu erwidern. Das weiß auch Wayan.

Alle Stecker sind gezogen

Sogar der internationale Flughafen wird für den ganzen Tag dicht gemacht. Bali versinkt in einen tiefen Schlaf.

Selbst in den Häusern wird nicht gesprochen. Früher schalteten die Elektrizitätswerke den Strom ab. Aber in Zeiten von Kühlschränken und Gefriertruhen ist deshalb zu viel Nahrung verdorben. Die Regel wurde gelockert.

Mit dem Nebeneffekt, dass nicht mehr in jedem Haus vollkommene Ruhe herrscht am Nyepi-Tag. So manche Familie schließt die Fensterläden und macht ganz leise den Fernsehapparat an, statt inneren Frieden zu suchen und zu meditieren.

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Ogohogoh-Monster

Die Ogoh-Ogoh-Monster

Am Tag zuvor, am Tawur Kesanga, lärmte Wayan noch mit seinen Freunden durch die Straßen. Sie brannten Knallkörper ab und zogen mit Ogoh-Ogoh-Monster durch Denpasar.

An jeder Abzweigung oder Kreuzung wurden die Ogoh-Ogoh hin- und hergezerrt sowie um die eigene Achse gedreht.

Mit dem Zweck, die bösen Geister zu verwirren und aus dem Ort zu treiben.

Mit Gongs und Trommeln machten sie dazu einen Höllenlärm, um die Dämonen auch wirklich aus der letzten Ritze zu verscheuchen. Wayan liebt es, gerade in dunklen Ecken Knallfrösche zu zünden.

Bali - Nyepi: Absolute Ruhe vor dem Spaß, Foto MüssigIst die Insel verlassen?

Wochen vorher ging er wie alle Kinder durch die Gemeinde, um für die Herstellung der Pappmaché- oder Bambus-Ogoh-Ogoh Geld zu sammeln.

Und wäre man ein böser Geist, würde man sich wohl auch wirklich fürchten vor diesen schrillen Ogoh-Ogohs, die Reißzähne wie ein wildes Fabeltier haben, deren Augen hervorquellen und deren Haare aussehen wie die vom Struwwelpeter. Wayans Vater war stolz auf den Sohn, als er ihm sein Ogoh-Ogoh-Monster zeigte.

Sind die bösen Geister erst einmal vertrieben, hoffen die Balinesen, dass die Dämonen am Nyepi, dem ersten Tag des balinesischen Jahres, die Insel ganz verlassen, weil sie ja glauben müssen, dass alles ausgestorben ist, wenn keine Menschen mehr auf den Straßen zu sehen sind.

Der Vater hat ihm die ganze Geschichte schon erklärt, da war er noch nicht einmal in der Schule.

Bali - Nyepi: Absolute Ruhe vor dem Spaß, Foto MüssigVon Ritualen geprägt

Nyepi zeigt, dass die Menschen auf Bali ihrem eigenen Rhythmus folgen, der in erster Linie vom balinesischen Kalender bestimmt wird.

Die verschiedenen Zeremonien, die den Jahres- und Lebenslauf formen, werden in den Alltag einbezogen. Mehr noch: Man hat sogar den Eindruck, dass der Alltag von den Ritualen geprägt wird.

Die Einwohner der einzigen hinduistisch-animistisch geprägten Insel im weitgehend muslimischen Indonesien zelebrieren ihre Riten innerhalb eines für Fremde völlig undurchsichtigen Geflechts aus hinduistischen, buddhistischen und animistischen Einflüssen.

Junge Balinesen müssen die Eltern stets nach Details fragen, wenn sie wissen wollen, was zum Beispiel genau bei einer Opferung oder Beerdigung passiert. Auch Wayan tut das.

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Feuerzeremonie

Es ist ein Lernprozess, der ein Leben lang dauert und den nur die Priester komplett abgeschlossen haben. Nyepi und seine Bedeutung kennt aber jedes Kind.

Die Götter sanftmütig stimmen

„Sitz der Götter“ wird die Insel genannt. Wer einmal dort war, weiß warum: Jedes noch so kleine Haus hat seinen eigenen Schrein, jede Scheune und jedes Reisfeld, jedes Geschäft und jede Behörde.

Jeden Tag wird geopfert, um die Götter sanftmütig zu stimmen. Als Wayan noch der einzige Nachkomme war, musste er immer das schöne Stück Huhn am Hausaltar bewachen, weil sonst der nächste Straßenhund den Leckerbissen schnell gerochen hätte …

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Tägliche Opfergaben sind Standard auf der Insel der Götter.

Er klagte oder jammerte nicht. Für ihn war das Bewachen des kleinen Haustempels samt Huhn-Opfer selbstverständlich, es gehört zum Leben. Jetzt muss das Made machen, sein kleiner Bruder.

Diese so offensichtlich gelebte Religiosität fasziniert jeden Besucher. Sie versetzt ihn scheinbar in eine andere Zeit, besonders wenn er das Glück hat an einer Zeremonie teilnehmen zu können – sei sie im privaten Rahmen oder in Form einer öffentlichen Feierlichkeit.

Niemand darf an den Strand

Fast alle Hotels bereiten ihre Gäste auf Nyepi vor. So liegt bei „Anantara“ in Ubud jeden Abend ein Kärtchen auf dem Kopfkissen, das über balinesischen Eigenarten informiert, ob es nun das Opfersträußchen Kuangen ist, die Geschichte des Penjor, der den Heiligen Berg Agung symbolisiert, oder eben rechtzeitig Informationen zu Nyepi.

Denn auch den Touristen wird am Nyepi-Tag ein 24 Stunden währendes Aktiv-Verbot abverlangt: Keiner darf sein Resort oder Hotel verlassen, niemand darf an den Strand.

Und alle Urlauber werden auch herzlich gebeten, nach Einbruch der Dunkelheit die Gardinen zu schließen, damit nicht ein Lichtstrahl nach außen weicht.

Bali - Nyepi: Absolute Ruhe vor dem Spaß, Foto MüssigDie schönste Party des Jahres

Am zweiten Tag des neuen Jahres wird dann schließlich gefeiert: Es ist inselweit die größte Party des Jahres, die ausgelassenste, die lustigste, die schönste.

Freunde und Verwandte werden besucht und es wird groß aufgekocht. Dann kehrt auch in Denpasar wieder der Alltag ein: Dann ist es wieder laut, stickig, heiß und hektisch.

Die Straßen und Gassen der Stadt quellen über mit Bemos, die privaten Kleinbusse, Tausende Mopeds, Autos und Fahrrädern.

Die Hauptstadt zählt immerhin rund 400.000 Einwohner und ist für die Balinesen der Knotenpunkt der Insel: zum Einkaufen, für Behördengänge, Bankgeschäfte. Sie ist das Handelszentrum, das wie so oft von Chinesen beherrscht wird. Rund ein Viertel der Einwohner von Denpasar ist chinesischer Abstammung. Dennoch: Am Nyepi-Tag sind auch sie alle zu 100% Balinesen.

Reiseinfos:

Reisezeit: Ganzjährig mit 26 bis 30 Grad. Fast regenfrei sind Mai bis Oktober.

Anreise: Es gibt keinen Nonstop-Flug ab Deutschland. Sehr gut und günstig, mit nur einmal Umsteigen: Eva Air ab München via Taipeh (ab 900 Euro). Empfehlenswert für die knapp 20 Stunden Flug ist die Premium Economy Class, einer der besten weltweit (Aufpreis ca. 800 Euro, www.evaair.com).

Einreise nach Bali mit EU-Reisepass und Visum on arrival für 30 Tage (ca. 30 Euro, visa-online.imigrasi.go.id).

Währung: Ein Euro entspricht knapp 20.000 Rupien. Kreditkarten werden nur in Touristenzentren akzeptiert.

Maßgeschneiderte Individualreisen: www.enchantingtravels.com/de

Gesundheit: Keine Impfungen erforderlich. Guter Sonnen- und Moskitoschutz sind nötig.

Mietwagen: Es herrscht Linksverkehr und es geht turbulent und eng zu auf den Straßen. Trotzdem ist ein Mietwagen unbedingt empfehlenswert. Preis pro Woche bei Vorbuchung ab rund 250 Euro (www.billiger-mietwagen.de).

Übernachten: „Anantara“, neues Luxusresort nahe Ubud, mit Restaurants, Spa, Pools und Pool-Villen, ruhige Lage im Grünen, Shuttle nach Ubud, ab 450 Euro (www.anantara.com).

Weitere Reiseberichte aus Südostasien finden Sie hier.

 

Text: ©Jochen Müssig
Fotos: ©Jochen Müssig

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