Demokratische Entscheidungen in einem Hotel, in dem die Direktorin maximal das Fünffache eines Zimmermädchens verdient: Kann das gut gehen? Ein Besuch im Hotel „La Posta“ in der Toskana.
Die Cover der Langspielplatten sind abgegriffen und so manche Vinylscheibe hat hörbar Kratzer. Der Plattenspieler ist halbautomatisch und wenn man sein eigener DJ ist, kommt eine Mischung aus „Das waren noch Zeiten“ und Spannung auf, etwa wie sich Donovan nach mehr als 20 Jahren wohl anhören wird. Natürlich klingt sein „Universal Soldier“ so einnehmend wie früher, in diesen kriegerischen Zeiten vielleicht sogar noch intensiver.
Und ist die A-Seite abgespielt, eilt der Barmann herbei und fragt, ob die B-Seite gewünscht ist oder ein anderer Interpret. Also wünschen wir uns noch so einen musikalischen Antikriegshelden von damals, vielleicht sogar den größten: Bob Dylan.
Revoluzzer und Aktivist
Diese abgegriffene LP-Sammlung, bestehend aus Blues und Jazz, Pop und Rock, Bellafonte und Beatles, Donovan und Dylan, ist in zwei offenen, alten, mintgrünen Koffern untergebracht.
Sie steht den Gästen uneingeschränkt zur Verfügung und gehört dem Besitzer dieser Hotelbar: Michil Costa, selbst Revoluzzer und Aktivist, Umweltschützer und Kulturmensch, der ein Plädoyer gegen die touristische Monokultur geschrieben hat. Titel des Buchs: „Raus aus dem Rummel!“

38 Grad warmes Thermalwasser
Wir sind im Hotel „La Posta“ im kleinen Thermalbadeort Bagno Vignoni im etwas abgelegenen Val d’Orcia, etwa 60 Kilometer südlich von Siena in der Toskana. Im 19. Jahrhundert wurden dort die Pferde auf der Route zwischen Rom und Florenz gewechselt.

Seit 1956 gibt es den Neubau, in der die Gasthoftradition fortgeführt wurde: als Hotel „La Posta“. 1972 wurde der erste Pool der Region gebaut, gespeist von bis zu 38 Grad warmen Thermalwasser.
Michil Costa und Familie machten dort regelmäßig Urlaub und als „La Posta“ 2012 zum Verkauf stand, nahmen die Costas die Gelegenheit war und kauften ihr Urlaubshotel.
Schließlich waren sie bereits Hoteliers in Südtirol, wo ihnen schon „La Perla“ gehört. Das gesamte Personal wurde übernommen und „La Posta“ sollte so geführt werden wie „La Perla“: nach dem Gemeinwohl-Prinzip.
Das Gemeinwohl-Prinzip
„Unter Gemeinwohl-Ökonomie verstehe ich, dass es neben der rein wachstums- und profitorientierten Wirtschaft auch andere Wirtschaftsformen geben muss. Eine Ökonomie, die nicht ausschließlich auf Maximierung von Gewinn ausgerichtet ist, sondern – im ursprünglichen Sinn des Wortes ‚Ökonomie‘ – das gemeinsame Haus im Blick hat“, sagt Michil Costa. Alle Gewinne werden reinvestiert und alle Mitarbeitenden haben Zugang zu den wirtschaftlichen Daten des Unternehmens.
Es gilt auch die Regel eines maximal fünffachen Gehaltsunterschieds, etwa zwischen Zimmermädchen und Direktorin. „Gleichzeitig bin ich mir bewusst, dass Personen in Managementfunktionen Vorteile haben: ein Firmenhandy und ein Dienstauto zum Beispiel“, gibt sich Costa ehrlich.
„Ich bin ein privilegierter Mensch, der das Glück hatte, viele Erfahrungen zu sammeln, auch in materieller Hinsicht: In meinem Leben habe ich verschiedene Porsche gefahren und viele unterschiedliche Phasen durchlaufen. Heute versuche ich, verantwortungsbewusster zu handeln. Das gelingt mir nicht immer, aber Dankbarkeit, Transparenz und Engagement sind vorhanden.“
Menschen suchen Gastlichkeit
Die Idee Gemeinwohl-Ökonomie hatte schon der „Club of Rome“ in den 1960er Jahren. Etwa 30 Jahre später wurde sie durch die globalisierungskritische Nichtregierungsorganisation „Attac“ konkretisiert.
Und in Zeiten, in denen der Hotelmarkt durch Giganten wie „Marriott“ mit 10.000 Hotels in knapp 150 Ländern oder „Accor“ mit rund 6000 Hotels in 110 Ländern geprägt wird, wirkt die Idee zunächst so charmant und romantisch wie Michil Costas LP-Sammlung.
Bei genauer Betrachtung steckt jedoch weit mehr dahinter: Viele Hotels haben vergessen, dass Gastlichkeit die Basis für jeden Beherbergungsbetrieb ist.
Heutzutage darf man sich selbst einchecken mit Code und Passwort, was schönfärberisch als „Service“ ausgegeben wird. Niemand begrüßt einen, hilft beim Gepäck oder zeigt den Lift. Und trifft man mal auf Personal, friert das aufgesetzte Lächeln ein, sobald es sich vom Gast abwendet. Die Zimmer werden nur auf Wunsch gereinigt, weil man ja die Umwelt damit schont, aber letztlich doch nur an den Zimmermädchen sparen möchte.
Und der Einsatz von KI killt dann auch noch das letzte Überbleibsel von Gastfreundschaft. Hat der Kunde heutzutage die Buchung getätigt und bezahlt, ist er ja vielerorts nur noch lästig …
Nicht so in „La Posta“: „Es wird immer genug Menschen geben, die eine Gastlichkeit suchen, die eine menschliche Renaissance durchlebt. Das ist unser Luxus“, meint Costa.
Kein Veto-Recht für den Chef
„Die größte Herausforderung bei der Gemeinwohl-Ökonomie ist die gemeinsame Entscheidungsfindung. Denn demokratische Prozesse auf Unternehmensebene erfordern viel Zeit, Dialog und Diskussion“, erklärt Costa.
„Was hat die Schule von Athen früher gemacht? Man hat diskutiert und sich Zeit zum Denken genommen.“ Und es passiert, dass der Hausherr das eine oder andere Mal überstimmt wird. Ein Veto-Recht hat er nicht.
„Ich hatte die Idee, eine Villa am Meer mit Unternehmensmitteln zu kaufen, die den Mitarbeitenden und ihren Familien zur Verfügung stehen sollte. Der Vorschlag wurde überstimmt, das zur Verfügung stehende Geld sollte ausschließlich ins Hotel investiert werden!“
Außerhalb des Hauses sei die Zusammenarbeit mit den Banken am schwierigsten, „weil nur wenige Banken sowohl effizient als auch ethisch im Sinne der Gemeinwohl-Ökonomie arbeiten“, so Costa.
Von der Rezeptionistin zur Direktorin
Die Atmosphäre im Hotel ist angenehm für den Gast, ohne Hektik und sehr familiär. Die Thermalwasserbecken mit 26 und 28°C zum Schwimmen sowie 36 bis 38°C zum Wohlfühlen leisten natürlich einen gehörigen Beitrag.
Und egal wen man im Hotel fragt und beobachtet, die 63 Angestellten (bei 35 Zimmern) scheinen zufrieden zu sein: mit ihrem Job und dem Arbeitsklima, selbst wenn sie sich nicht aktiv einbringen, denn nicht alle können mit dem Begriff der Gemeinwohl-Ökonomie etwas anfangen, obgleich sie danach arbeiten, weil sie sich wie in einer Familie fühlen und integriert in den Gesamtablauf des Hotels sind. Wer einfach nur seinen Job macht, wird nicht schräg angeschaut.

„Wenn Herr Costa im Haus ist, begrüßt er jeden beim Namen, fragt nach dem Befinden, nach Problemen“, sagt etwa Megina, erst seit 3 Jahren im hauseigenen Restaurant „La Rocca“ und mit ihren 25 Jahren bereits Chef de Rang. „Er sucht den Dialog, hört zu, hilft, Probleme gemeinsam zu lösen, gratuliert zum Geburtstag. Da spürt man Anerkennung …“
Die jetzige Hoteldirektorin, seit 2012, also seit dem Anfang dabei, hat sich von der Rezeptionistin zur Direktorin hochgearbeitet: Chiara Pieri, 41 Jahre alt, sagt: „Wir alle haben unsere Freiräume und viele nutzen sie, besonders in ihren Abteilungen. Sie bringen sich mit Vorschlägen ein, bekommen Englisch-Unterricht, können Praktika in anderen Bereichen machen, um neue Perspektiven zu bekommen. Und sie dürfen sogar die Thermalwasserpools unseres Hotels benutzen.“ Andernorts ist das ein absolutes Tabu!
Keine Massenproduzenten
„Als erstes haben wir mehr Liebe ins Haus gebracht, mehr Aufmerksamkeit für Details – viele, viele Details …“, sagt Michil Costa. Auf den ersten Blick wirkt zwar alles wild zusammengewürfelt, zugekleistert mit Bilderrahmen, in denen alte Schwarz-Weiß-Motive, aber auch schrille Pop-Art Geschichten erzählen.
Doch schon am zweiten Tag fügt sich alles zusammen: Das antike Möbelstück korrespondiert mit der modernen Lampe und Abläufe wie an jedem Freitag überraschen nicht in diesem, im positiven Sinne gemeinten Old-School-Hotel.
J
eder Freitag ist ein Veggie-Freitag, an dem vom Frühstücksbüffet angefangen, kein Fleisch und keine Wurst angeboten wird. „Fragt aber ein Gast nach Bacon zu den Spiegeleiern, ist das kein Problem“, sagt Chef de Rang Megina.
Kein Pardon gibt es allerdings bei Coca-Cola, Prosecco oder „Nestlé“-Produkten: Massenproduzenten will man nicht im Haus haben. Die angebotene regionale Cola ist eine gute Alternative und Franciacorta sowieso besser wie jeder Prosecco.
„Wir ziehen uns unsere Gäste selbst heran“, sagt Costa, „denn wenn klar kommuniziert wird, wofür ein Haus steht, bucht der Kunde bewusst uns. Wir haben keine überdimensionierten Spa-Bereiche, keinen standardisierten Luxus, obwohl wir 5 Sterne haben. So sprechen wir automatisch jene Gäste an, die diese Werte teilen. Wer etwas anderes sucht, entscheidet sich nicht für uns“.
Leonard Cohen und Franciacorta
Das Paar aus München, das gerade an den LP-Koffern die passende Scheibe für den Aperetivo sucht, hat sich für das wohltuende Thermalwasser, die Nächte unter den Sternen in den Pools und die ruhige Lage über dem Tal entschieden und dann entdeckt, dass in „La Posta“ alles so angenehm familiär ist.
Vom Begriff Gemeinwohl-Ökonomie „haben wir allerdings noch nichts gehört“. Ist ja auch nur ein Begriff, Hauptsache die Inhalte stimmen. Sie wählen Leonard Cohen mit „Suzanne“ und lassen sich ihren Franciacorta, die Oliven und Taralli schmecken.
Weitere Infos: www.lapostahotel.it
Und weitere Reisenotizen und -berichte aus der Toskana finden Sie hier.
Text: ©Jochen Müssig
Fotos von oben: ©La Posta, ©Jochen Müssig,©La Posta (2 Bilder), ©Jochen Müssig (6 Bilder)
































