Im September 2024 fand in Armenien die UN Tourism Global Conference on Wine Tourism statt. Dass Armenien die Konferenz ausrichten durfte, lag nahe. Das Land gilt als eine der Wiegen des Weinbaus und blickt auf eine über 6.100 Jahre alte Vitikultur zurück. Dieses Vermächtnis führen Armeniens Weinbauer heute im Einklang mit neuesten önologischen Trends und Entwicklungen weiter. Weinliebhaber, die über den eigenen Glasrand hinausschauen möchten, können im kleinen Land im Kaukasus große Entdeckungen machen.
Das weltweit älteste bis dato bekannte Weingut
Bereits vor über 6.100 Jahren wurde in der Höhle Areni-1 in den Tiefen der Schlucht des Arpa in der südarmenischen Provinz Wajoz Dsor Wein produziert. Im Jahre 2011 wurde an dieser bedeutenden archäologischen Fundstätte die bisher weltweit älteste (bekannte) Weinkellerei entdeckt.

Die Kellerei stellte die Weichen für die Weinherstellung in Armenien. Bis heute kommen dort praktizierte Methoden wie die Lagerung und Fermentation des Weins in traditionellen Tongefäßen, sogenannten „Karas“ in einigen armenischen Weingütern zum Einsatz.

Die Areni-1 Cave ist öffentlich zugänglich und nicht zuletzt nur einen Steinwurf vom berühmten Kloster Norawank in der Gnishik-Schlucht mit ihren spektakulären roten Felsen entfernt.
An ein und derselben Stätte wurde im Übrigen auch der älteste Lederschuh der Welt (etwa 5.500 Jahre alt!) gefunden.
Armeniens autochthone Rebsorten
Armeniens Weinbau umfasst eine Fläche von um die 16.000 Hektar, die vorwiegend mit einheimischen Reben bestockt ist. Khndoghni, Lalvari, Tozot, Garan Dmak lauten einige der hierzulande wohl weitgehend unbekannten Namen der Weintrauben, die ausschließlich in Armenien wachsen.
Zu den Perlen armenischer Rebsorten zählt Sev Areni, die vor allem in westlichen Teil der geschichtsträchtigen Region Vayots Dzor seit Jahrtausenden kultiviert wird. Ein vielschichtiges Bouquet mit Noten von schwarzen Beeren, schwarzem Pfeffer und Kirsche, eine angenehme Säure sowie die hell- bis mittelrubinrote Farbe und geschmeidige Tannin-Struktur machen die Eleganz der aus Sev Areni hergestellten Weine aus.
Eine weitere unangefochtene Königin der armenischen Trauben: Voshekat, die – wie archäologische Ausgrabungen rund um die antike Festung Teishebanini belegen – seit dreieinhalb Tausend Jahren angebaut wird.
Armeniens einfallsreiche Winzer kreieren daraus kunstvoll golden-grün leuchtende Schätze – kein Wunder, heißt Voshekat doch übersetzt so viel wie „Goldstück“. Frisch mit fruchtigen Zitrus-Aromen und leicht grasiger Note lassen die daraus entstehenden Weine Sommergefühle aufkommen.
In Yerewan widmet sich eine ganze Straße dem Wein.
Die Saryan Street in Yerewan gilt als der Hotspot für Weinliebhaber und Foodies im Zentrum der armenischen Hauptstadt. Hier reihen sich Weinbars an hippe Cafés und einige der feinsten Restaurants des Landes.

Die Saryan Street ist auch der Austragungsort eines der beliebtesten Weinfestivals in Armenien: Die Yerevan Wine Days finden seit 2017 jedes Jahr im Spätfrühling (meist in der ersten Juniwoche) statt: eine fulminante Feier der armenischen Weinkultur, welche die armenische Hauptstadt als „Food and Wine“-Destination ins internationale Rampenlicht rückt.

Heiliger Tropfen
Diverse archäologische Funde in unterschiedlichen Regionen Armeniens deuten darauf hin, dass der Weinbau bereits in den Jahrhunderten vor Christus im wahrsten Sinne des Wortes Kultstatus genoss. So wurde sowohl dessen Kultivierung in prächtigen Weingärten als auch dessen Herstellung um Tempel und Kultstätten herum organisiert.
Ein Beispiel ist die frühbronzezeitliche Siedlung Agarak (Aragazotn, Zentralarmenien), wo neben den zahlreichen ausgegrabenen Weinpressen in den Felsen gehauene religiöse Symbole entdeckt wurden.
Und auch innerhalb der Mauern, welche die berühmte Kathedrale von Swartnoz (UNESCO Welterbe) umgeben, beherbergen die Überreste einer im 7. Jahrhundert errichteten Gregorkirche und der Palast ihres Stifters, Katholikos, eine Weinpresse sowie Räume mit Becken zur Gärung und Tonkrügen zur Lagerung von Wein.

Teile der Ornamentik der Kirche offenbaren die tiefere Bedeutung der Weingärten und die Geschichte dahinter: Weinranken, die an Fensterumrahmungen und Wandecken auftauchen, symbolisieren das Blut Christi und die Auferstehung.
Und hatte nicht eh – der Legende nach – Noah am Fuße des Ararat den ersten Weinberg gepflanzt und damit den Samen für die fruchtbaren Weingärten im Ararat-Tal gesät?
Der Großteil armenischer Weinreben wächst auf über 1.000 m.ü.M.
Armeniens Weinregionen zeigen sich geografisch und klimatisch divers. Zu den sonnigsten und größten Gebieten zählt Armavir westlich der Hauptstadt im Herzen der Ararat-Ebene am Fuße des biblischen Bergs Ararat.
Dank der fruchtbaren Böden und über 300 Sonnentagen im Jahr gedeihen auf dem Hochplateau auf 900 bis 1.100 m.ü.M. Trauben für Weißwein und Weinbrand besonders gut.

In den Gebirgsausläufern vulkanischen Ursprungs im Nordwesten Armeniens rund um die Stadt Aschtarak sorgt der kalkhaltige Boden wiederum für einen besonders hohen Zuckergehalt in Traubensorten wie Voskehat und Karmrahyut.
Auch in Wajoz Dsor, der Geburtsstätte des Weins, in dem die berühmte Sev Areni Traube ihren Ursprung hat, schafft der vulkanische Kalksteinboden im Zusammenspiel mit dem ariden Klima günstige Bedingungen für den Weinbau.
Die Region beherbergt die mit über 1.900 m.ü.M. landesweit am höchsten liegenden Weinberge in Khachik. Einen Kontrast dazu bildet die zu mehr als die Hälfte mit Wald bedeckte Region Tavush im Nordosten des Landes. In diesem grünen Herz Armeniens mit seinem feuchten, milden Klima wachsen einige der edelsten autochthonen Weißweinreben.
Fotos: ©Armenia Travel (8 Bilder), ©Andreas Schunk (1 Bild)
























