Wer kennt zimbrisch? Lusern im italienischen Trentino ist die südlichste deutsche Sprachinsel in Europa. Dort wird seit 1.000 Jahren zimbrisch gesprochen, das vom Bayerischen abstammt.
Im kleinen Büro von Leo Toller, Filialleiter im Lebensmittelladen „Coop“, hängen Urlaubspostkarten an der Wand. Aus New York, vom Oktoberfest, aus Tromsö, von den Kanarischen Inseln – man kann also nicht behaupten, die Luserner kämen aus ihrem 300-Einwohner-Dorf südöstlich von Trient nie heraus.
„Lusern ist die südlichste deutsche Sprachinsel in Europa“
erklärt Toller, der sich im Dokumentationszentrum für Geschichte und Kultur der Zimbern engagiert. Mit Blick auf die Postkarten sagt er:
„Wir sprechen zimbrisch und wir schreiben noch Postkarten.
Das Internet hier oben ist sehr schlecht …“
Lusern liegt mit seinen steinernen, mit bunten Blumenkästen geschmückten Alpenhäusern gut 1.300 Meter hoch, die umgebenden Berge gehen über die Zweitausendergrenze und die einzige Verbindung zum Rest der Welt geht nur nach Norden über die SP 9 – zeitraubend in Serpentinen.
Im 11. Jahrhundert von bayerischen Bauern besiedelt, die vor einer Hungersnot in den Südteil der Alpen flohen, hat sich das Zimbrische im Schutz der Berge erhalten.
Bis heute sprechen 80 % im Dorf noch immer ihre Sprache, die ein Oberbayer einigermaßen und ein Norddeutscher überhaupt nicht verstehen kann.
Nur die jungen Luserner sprechen mehr italienisch. Die meisten von ihnen ziehen in die Städte der Gegend, nach Trient oder Rovereto.
„Letztes Jahr hatten wir aber auch drei Geburten im Dorf“, sagt Toller, „das entspricht immerhin einem Prozent Bevölkerungszuwachs!“
Zweimal pro Woche kommt der Arzt ins Dorf, die Luserner Kinder bekommen im Kindergarten und in der Grundschule Zimbrisch-Unterricht.
Die Tageszeitung „Alto Adige“ bringt alle 14 Tage eine zimbrische Regionalseite heraus und sogar eine gültige Grammatik und ein Wörterbuch gibt es: Das Zimbrische soll ja auch in Zukunft eine Sprachinsel bleiben.
Nach dem Ersten Weltkrieg wurden Lusern und die nördlich gelegenen zimbrischen Gemeinden wie die Gegend um Asiago und das Fersental italienisch.
Wer zimbrisch sprach, riskierte sogar eine Strafe. Nur in Lusern und im ebenfalls abgelegenen Fersental hat es sich bis heute erhalten.
Deutsche Sprachinseln
Insgesamt rechnet man mit etwa 100 deutschen Sprachinseln in der Welt. Die genaue Zahl ist nicht bekannt, da der Begriff Sprachinsel nicht eindeutig definiert ist: Manchmal wird jedes Dorf gezählt, manchmal werden ganze Regionen zusammengefasst, wie etwa die Deutschsprachigen in Rumänien.
Die wichtigsten deutschen Sprachinseln bilden in Italien die Zimbern und Fersentaler im Trentino sowie die Walser im Aostatal in Piemont.
In Osteuropa sind Böhmen und Mähren, in Polen das Kalische Land und Siebenbürgen in Rumänien hervorzuheben.
Außerhalb Europas gibt es rund 550.000 Deutschsprachige in Brasilien, besonders in Blumenau, etwa 60.000 in Paraguay sowie die Siedlungen der Amischen in Pennsylvania und in Texas Fredericksburg. In Namibia ist Deutsch zwar keine Amts-, aber doch Nationalsprache: mit der Variante Namdeutsch.
Weitere Infos rund um Sütirol und das Trentino findet ihr in unserem Reisearchiv.
Text: Jochen Müssig
Fotos: Jochen Müssig






































